Discover
L.I.S.A. Wissenschaftsportal Gerda Henkel Stiftung
1098 Episodes
Reverse
Gab es einen besonderen Umgang mit Medizin, Kranken und Krankheit in der DDR? Matthias Aumüller fragt in seiner Monografie Medikaler Raum in der erzählenden Literatur der DDR nach der Erzählung von Räumen der Medizin – etwa der Klinik, der Arztpraxis – in literarischen Werken u. a. von Christa Wolf, Klaus Schlesinger, Werner Heiduczek und Stefan Heym. Er untersucht die Bedeutung von Schauplätzen und Ortswechseln in Erzähltexten, stellt Zusammenhänge zwischen Raumdramaturgie und zeithistorischem Hintergrund her. Dabei entfaltet Aumüller auch eine historische Perspektive von den 1950er bis zu den 1980er Jahren, von Tuberkulose bis hin zum Alkoholismus in der DDR. Marit Heuß und Ringo Rösener fragen nach, was Matthias Aumüller entdeckt hat.
Modernisierung, Rationalisierung, Differenzierung, Individualisierung, Säkularisierung, Globalisierung: Die Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts wird gerne entlang umfassender Prozessbegriffe erzählt, mit deren Hilfe mal mehr, mal weniger weitreichende Zeitdiagnosen formuliert werden. Diese „Meistererzählungen“ jedoch bringen ein erhebliches geschichtsphilosophisches Gepäck mit sich, das, so die Ansicht des Soziologen Prof. Dr. Wolfgang Knöbl, Direktor des Hamburger Instituts für Sozialforschung, kritisch reflektiert werden muss. In dieser Ausgabe von Zu Gast bei L.I.S.A. sprechen wir mit Wolfgang Knöbl darüber, wie dies gelingen kann und was die Soziologie von der Geschichtswissenschaft lernen kann und umgekehrt.
Vielleicht haben die heutigen Probleme Europas ihren Ursprung weniger in der aktuellen Politik, als im fehlenden historischen Gedächtnis der europäischen Gesellschaften, meint der Althistoriker Prof. Dr. Michael Sommer (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg). In seiner Keynote vor jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Italien, Polen, Deutschland und Frankreich plädiert er für eine neu intensivierte Auseinandersetzung mit der griechischen und römischen Antike, die er als unverzichtbares Reservoir der nationenübergreifenden Sinnstiftung ansieht. Dabei veranschaulicht Professor Sommer an drei historischen Lektionen zur Bündnisfähigkeit, zum Aufstiegsversprechen und der Elitenkontrolle, wie sich aus dem antiken Erbe Einsichten für die Zukunft des Kontinents gewinnen lassen.
Was die in Chatbots wie ChatGPT verbauten Large Language Models leisten können, bleibt umstritten. Während die einen bereits das Zeitalter der „Textpokalypse“ und der Verdummung gekommen sehen, hoffen andere, in generativer KI ein mächtiges Instrument für Bildung und Demokratisierung zu finden. Diesseits von Hype, Hoffnung und Horror beeinflussen ChatGPT und Co. aber schon heute, wie Menschen recherchieren, lesen, schreiben – und reden. Der Vortrag erschließt anhand von Themen aus Rhetorik, Autorschaft und kommunikativer Kompetenz die Konsequenzen von LLM-Texten für das öffentliche Sprechen und entwirft Szenarien ihrer produktiven Nutzung.
Dr. Markus Gottschling forscht und lehrt zu Literatur, Rhetorik und Wissenschaftskommunikation. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Allgemeine Rhetorik und verantwortlich für die Wissenschaftliche Koordination des RHET AI Center. Dort leitet er auch die Arbeitsgruppe “Communicative Competence”, die sich mit Wirkung und Nutzung generativer KI auseinandersetzt. Regelmäßig entwickelt und lehrt er Fortbildungsformate zur Wissenschaftskommunikation. Seit 2025 ist er Co-Direktor der RHET AI Coalition, eines internationalen Forschungsnetzwerks an der Schnittstelle von Rhetorik und Künstlicher Intelligenz.
Eine gemeinsame Veranstaltung der Stiftung Bundespräsident-Thedor-Heuss-Haus und der Württembergischen Landesbibliothek.
Die Veranstaltung fand am 26. November 2025 in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart statt.
Reiten, Jagen und Schwimmen gehörten zu den regelmäßigen Aktivitäten Karls des Großen. So beschreibt es Einhard in der Vita Karoli Magni. Indem der fränkische König beständig seinen Körper trainierte, entsprach er einem Männlichkeits- und Körperideal, das in engem Zusammenhang mit der Repräsentation von Herrschaft stand. Welche Funktion die Jagd für die fränkischen Herrscher besaß, ob auch der Klerus nach Fitness trachtete und wie ein frühmittelalterliches Trainingsprogramm aussah, sind Fragen, denen Prof. Dr. Anne Greule (Göttingen) in ihrem Vortrag nachgeht.
Mit der am 9. Dezember 1948 verabschiedeten „Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“ fand der Begriff des Genozids Eingang in das Völkerrecht. Maßgeblich geprägt wurde er von dem polnisch-jüdischen Juristen Raphael Lemkin, der ihn vor allem vor dem Hintergrund der deutschen Kriegsverbrechen in Osteuropa entwickelte. Ausgehend von den Nürnberger Prozessen zeichnet Dr. Alexander Korb (Nürnberg) die Vorgeschichte nach, die zur völkerrechtlichen Verankerung des Genozidbegriffs führte.
Immer wollte Rilke sich wandeln, die Metamorphose war sein Lebensthema, er gestaltete sie in seiner Literatur. Zurückgezogen im abgelegenen Chateau de Muzot schrieb er im Februar und März 1922 den größten Teil der „Sonette an Orpheus“. Die insgesamt 55 Sonette, in denen Rilke den Orpheus-Mythos aufgreift, verwandelt und neu deutet, prägen mit ihrer Poetik das Spätwerk des Dichters. Ausgehend von Rilkes Notizbüchern, den Entwürfen und Briefen aus der Zeit, die sich in seinem Nachlass befinden und erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden, gehen Sandra Richter (Deutsches Literaturarchiv) und Anna Kinder (Deutsches Literaturarchiv) auf den Entstehungsspuren dem Wandel in Rilkes Werk nach.
Aschkenas: So nannten die seit dem Mittelalter in Europa ansässigen Juden ihr Siedlungsgebiet vor allem in Deutschland. Peter Schäfer bietet mit diesem Buch erstmals einen auf archäologischen und schriftlichen Quellen basierenden Überblick über Herkunft und Blüte des aschkenasischen Judentums und seinen erzwungenen Weg nach Osteuropa. Seine glänzende Darstellung umfasst mehr als 2000 Jahre jüdischer Geschichte, von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, und wird für lange Zeit Maßstäbe setzen.
Ein Edikt des Kaisers Konstantin aus dem Jahr 321 betrifft die Juden in Köln, doch erst für die Zeit um das Jahr 1000 sind jüdische Gemeinden in Köln, Mainz, Speyer, Worms, Regensburg, Prag oder Frankfurt sicher belegt. Woher kamen diese Juden? Wie waren ihre Gemeinden organisiert? Wovon lebten sie, und welche Beziehungen pflegten sie zu ihrer christlichen Umgebung? Peter Schäfer kennt wie kaum ein anderer die Schriften des mittelalterlichen Judentums und beschreibt auf ihrer Grundlage – jenseits der bis heute verbreiteten Klischeevorstellungen – den Alltag und die mystisch geprägte Frömmigkeit der aschkenasischen Juden. Er erzählt von den Verfolgungen und Vertreibungen im Spätmittelalter, der erneuten Blüte jüdischen Lebens in Polen, Litauen und Russland und vom Weg der Juden in eine ambivalente Moderne, die Emanzipation versprach und Vernichtung brachte. Seither liegen die Zentren des aschkenasischen Judentums in den USA und Israel, doch seine Wurzeln reichen weit in das europäische Ostjudentum, in das mittelalterliche Deutschland und in die Antike zurück.
Warum gibt es das Böse? Auf diese fundamentale Frage der Menschheit hatten die Anhänger der Gnosis eine nur auf den ersten Blick einfache Antwort: Neben den absolut guten Gott setzten sie eine zweite, ethisch unvollkommene Gottheit, die für die Irrungen der irdischen Welt veranwortlich sei: den Demiurgen. Die Gnosis (altgriechisch für „Erkenntnis“) wird oft als Reaktion auf die vermeintlich krisenhafte Welt der Spätantike verstanden, was die Lehren der Gnosis wiederum anschlussfähig für aktuelle Zeitdeutungen macht. Der Theologie und Historiker Prof. Dr. Christoph Markschies sieht in der Frühphase des Christentums eher eine Art „Laboratorium“, in dem mit philosophischen Ideen und religiösen sowie mythischen Stoffen experimentiert wurde. In einer neuen Ausgabe von Zu Gast bei L.I.S.A. sprechen wir mit Christoph Markschies über die Mythen und Lehren der antiken Gnosis, die dunkle Seite der Freiheit und was die Gnosis uns heute noch zu sagen hat.
Sie liegen in Schubladen und Kellern von Wohnhäusern, auf Verkaufstischen von Flohmärkten sowie in der Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek: Private Fotoalben sind materielle Zeugnisse, wie Deutsche den Zweiten Weltkrieg erlebten und wie sie ihn erinnert wissen wollten. Einige Alben haben in Ausstellungen oder Publikationen Aufmerksamkeit erregt; dennoch hat sich die Forschung bislang nur ansatzweise mit ihnen befasst. Basierend auf der Auswertung einiger Hundert Privatalben und mit Fokus auf den deutschen Vernichtungskrieg „im Osten“ untersucht Jürgen Matthäus, was ihre Kriegserzählung ausmacht, wie sie Gewalt repräsentierten und welche Spuren ihr Bild deutscher Verbrechen und deutscher Opferschaft bis heute im Familiengedächtnis hinterlassen hat.
Im Kölner Vortrag gibt der Rechtshistoriker Prof. Dr. Miloš Vec (Universität Wien) einen Überblick über die Überlegungen und Debatten innerhalb der deutschen Völkerrechtswissenschaft in der Zwischenkriegszeit. Existierten in den Jahren der Weimarer Republik noch eine große Bandbreite verschiedener Denkstile und methodische Überzeugungen nebeneinander – bei nahezu einhelliger Ablehnung des Versailler Vertrages –, erlebte die Völkerrechtslehre nach 1933 eine Politisierung im Zeichen der nationalsozialistischen Ideologie. Neo-kolonialistische Argumentationen und eine immer stärkere Indienststellung für die Außenpolitik führten schließlich zum Relevanzverlust der Disziplin während des Zweiten Weltkriegs, so die These von Vec.
Rom, 1620: In den Tavernen der Stadt versammeln sich junge Niederländer, um in einer berühmt-berüchtigten Künstlergemeinschaft Aufnahme zu finden – den Bentvueghels. Deren ausgelassene Initiationsfeiern, „Bent-Taufen“ genannt, dauern oft mehr als vierundzwanzig Stunden, in denen viel Alkohol fließt und freudvoll, teils im Exzess und mit derbem Humor, das Leben und die Kunst gefeiert werden, u.a. durch die Inszenierung lebendiger Kunstwerke. Einige Zeitgenossen sind vom Verhalten der Fremden empört, die kirchliche Obrigkeit misstraut ihnen, und doch zieht die Bruderschaft über Jahrzehnte hunderte Maler, Bildhauer und Dichter an. Bei ihren Taufen verhöhnen sie auch katholische Zeremonien – ein Affront gegen die Kirche? Und was hat es mit dem Dauerrausch dieser Künstler auf sich? Bloß exzessive Entgleisung in der Fremde, oder doch tieferes künstlerisches Programm?
In der Frühen Neuzeit hing von dem Körper der Fürstin der Fortbestand einer Dynastie ab. Er war eine öffentliche Angelegenheit, die der Hof, aber auch andere Territorialherren genau registrierten. Die Körperlichkeit und Sexualität der Fürstin konnte, wenn sie denn „erfolgreich“ war, ein nicht zu unterschätzendes Kapital darstellen, bot aber auch enorme Angriffsfläche, vor allem wenn die fürstliche Ehe kinderlos blieb. Maria Hauber beleuchtet dieses Spannungsfeld am Beispiel von zwei sächsischen Fürstinnen aus dem 16. Jahrhundert: Elisabeth von Sachsen (1502-1557) und Anna von Sachsen-Coburg (1567-1613).
Wie der Stadtraum Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem zunehmend umkämpften Raum wurde und welche Rolle dabei internationale städtebauliche Wettbewerbe spielten, darüber reden wir mit Cosima Götz. Denn Wettbewerbe erlebten zwischen den 1890er und den 1930er Jahren eine beispiellose Hochphase. Man versprach sich von diesen ihnen nichts Geringeres als einen »Generalplan« – für die Anlage von Verkehrswegen, Bau- sowie Freiflächen und vor allem auch für die gesellschaftliche Neuorganisation unter den Bedingungen einer als »modern« verstandenen Zeit. An den Städten Berlin, Ankara, Paris und Canberra zeigt Cosima Götz, wie die dabei entstehenden Konflikte bearbeitet wurden und welche planerischen, aber auch ideellen Folgen dies hatte. Uta Karstein und Thomas Schmidt-Lux haben nachgefragt, was das eigentlich bedeutet hat.
Wie standen die Deutschen wirklich zum NS-Regime und zu Hitlers Herrschaft? Dieser Frage geht der Historiker Prof. Dr. Peter Longerich in seinem neuen Buch „Unwillige Volksgenossen“ nach. Dafür hat er mehrere tausend Seiten offizieller Stimmungsberichte von Gestapo, SD und anderer Behörden des nationalsozialistischen Staates ausgewertet. Welche Eindrücke diese Quellen vermitteln und welche Schlussfolgerungen sich daraus ziehen lassen, darüber haben wir mit dem Historiker in einer neuen Folge von „Zu Gast bei L.I.S.A.“ gesprochen.
Wandlungen von Zeitdeutungen beeinflussen den Wandel von Recht und Rechtswissen. Die Entwicklungsdynamiken dieser Verflechtungen in der europäischen Rechtskultur 1450–1750 sind Gegenstand des Vorhabens. Der Rechtshistoriker Prof. Dr. Andreas Thier (Universität Zürich) beleuchtet in seinem Vortrag die Entstehung von rechtlich verbindlichen Zeitregimen, die Bedeutung von Vergangenheiten und Ursprüngen für die Legitimation von Recht sowie den Stellenwert von linearen Zeitkonzepten.
Die Lyrikerin Mascha Kaléko war ein Star im Berlin der frühen 30er Jahre - bis ihre Bücher als „Asphaltliteratur“ von den Nazis verboten und sie als Jüdin verfolgt wurde. Es war nicht ihre erste Flucht, die Kaléko 1938 in die USA antrat; ihr ganzes Leben war von Sprach- und Kulturwechseln geprägt - und von Literatur und Musik. Über das Zusammenspiel von diesen Künsten in Kalékos Leben, über die musikalische Umsetzung ihres Werkes und einen „dritter Raum“, der daraus entsteht, spricht Nikola Herweg (Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar) mit der Komponistin und Hörspielmacherin Ulrike Haage.
Die Potsdamer Konferenz und die Nürnberger Kriegsverbrecherkonferenz in den breiteren Kontext des Weltkriegsendes zu stellen, war das Anliegn der Tagung „Passage 1945“. Im abschließenden Gespräch ziehen die Organisatoren PD Dr. John Zimmermann, Dr. Frank Reichherzer und Dr. Jürgen Luh eine Bilanz des zweitägigen Workshops und identifizieren weitergehende Fragestellungen.
Wie standen die Deutschen zum nationalsozialistischen Regime? Und wie lässt sich das überhaupt ermitteln? Diese Frage beschäftigt die Geschichtswissenschaft schon seit langem. Mit seinem Buch „Unwillige Volksgenossen“ hat der Historiker Prof. Dr. Peter Longerich nun einen neuen Versuch zur Klärung vorgelegt, wobei er sich insbesondere auf die offiziellen Lage- und Stimmungsberichte stützt. Demzufolge war die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem Regime deutlich größer als bisher angenommen. In der neuen Ausgabe von „Zu Gast bei L.I.S.A.“ setzen sich die Historiker Prof. Dr. Gerd Krumeich und Dr. Janosch Steuwer mit Longerichs Thesen auseinander. Denn was bedeutete Stimmung oder Meinung eigentlich unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur?
After 1945, the Soviet-German Wismut company began large-scale uranium mining in the Ore Mountains. The small town of Johanngeorgenstadt was among the most important mining areas. As a result of the intensive mining operations, the old town—under which numerous tunnels lay—had to be demolished, in some cases against the resistance of the local population. In his lecture, Manuel Schramm describes the lasting effects that the demolition of the old town has had on the city’s cultural and social identity up to the present day.




