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Fluide Kirche
Fluide Kirche
Author: Jens Stangenberg
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© (c) Jens Stangenberg – All rights reserved.
Description
Wir befinden uns inmitten eines breiten gesellschaftlichen Umbruchs: Klassische Formen von verbindlicher Zugehörigkeit nehmen ab, festgefügte Leitungsstrukturen werden immer misstrauischer beäugt und der Wunsch, sich möglichst lange alles offen zu halten, wird sehr groß geschrieben.
All diese Tendenzen zeigen sich auch in christlichen Gemeinschaften. Häufig wird dieser gesellschaftliche Trend eher negativ als Überindividualisierung, Selbstbezogenheit und Unverbindlichkeit gedeutet. Möglicherweise führt uns die "Verflüssigung von Kirche" aber auch wieder stärker an das Neue Testament heran. Es ist wichtig, diese Entwicklung aufmerksam wahrzunehmen und konstruktiv darauf zu reagieren.
All diese Tendenzen zeigen sich auch in christlichen Gemeinschaften. Häufig wird dieser gesellschaftliche Trend eher negativ als Überindividualisierung, Selbstbezogenheit und Unverbindlichkeit gedeutet. Möglicherweise führt uns die "Verflüssigung von Kirche" aber auch wieder stärker an das Neue Testament heran. Es ist wichtig, diese Entwicklung aufmerksam wahrzunehmen und konstruktiv darauf zu reagieren.
31 Episodes
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#29 Ist Gott selbst fluide? - Prozesstheologie und Ereignisdenken / Was bedeutet die Frage nach der Verflüssigung von Kirche in Bezug auf Gott? Wandelt sich Gott im Laufe der Zeit? Ist der Faktor Zeit also im innersten Wesen Gottes vorhanden? Mit dieser Episode bewegen wir uns in Bezug auf Fluidität an die äußerste theologische Grenze. Nach einer kurzen Einführung in Prozesstheologie und Ereignisdenken wird die Frage beantwortet, was an Gott stabil und was veränderlich ist.
#28 Kathedrale in der Zeit - Abraham Joshua Heschel zur Bedeutung des Sabbats / Eine Lesereise durch das Buch "Der Sabbat" von Abraham J. Heschel, 2022, Jüdische Verlagsanstalt Berlin GbR und Patmos Verlag. / Susannah Heschel schreibt in der Einführung, Seite 19: "Mein Vater definiert das Judentum als eine Religion, deren zentraler Bezugspunkt die Heiligkeit der Zeit ist. Einige Religionen erbauen große Kathedralen oder Tempel, aber das Judentum erbaut den Sabbat, als eine Architektur der Zeit. Heiligkeit in der Zeit zu erschaffen, erfordert eine andere Empfindung, als eine Kathedrale im Raum zu errichten."
#27 Zweite Zwischenbilanz | Ernüchternde Denkwege und notwendige Folgerungen | Seit dem Neueinstieg nach der Podcast-Pause sind bereits elf neue Folgen online gegangen. Das ist der richtige Zeitpunkt für eine weitere Zwischenbilanz. Am Anfang habe ich nicht geahnt, wie tief uns das Thema "Fluide Kirche" in die innerste Steuerungslogik von "Kirche" führen wird. Und wie sich daran nachzeichnen lässt, welche Verschiebungen in Theologie und Kirchenverständnis stattgefunden haben. Das Ganze beinhaltet nicht nur nüchterne Beobachtungen, sondern ebenfalls verstörende Ernüchterungen. In sieben Schritten zeichne ich meinen emotionalen Denkweg nach: (1) Der Ausgangspunkt; (2) Der Rückbezug; (3) Der gemeindliche Kontext; (4) Die Vorrangstellung von Zeit vor dem Raum; (5) Zeitverständnisse und die Ausübung von Macht; (6) Dominanz durch Verdrehung der Botschaft; (7) Herausforderungen.
Digitale Verflüssigungen | Von leichten Abschieden und neuen Gewohnheiten // Was bedeutet das Erleben von „Beschleunigung“ und „Vernetzung“ praktisch? Anhand von sechs kleinen Zeitreisen wird die rasante Entwicklung, in der wir leben, nachgezeichnet. Mit dieser Entwicklung gehen Verschiebungen im kommunikativen Verhalten und der Wahrnehmung von Wirklichkeit einher. Das, was früher undenkbar war, ist heute normal. Auf diese neue Normalität muss Kirche mit ihrer Struktur und Theologie reagieren, um verständlich und anschlussfähig zu sein. // 1) Telekommunikation // 2) Soziale Netzwerke // 3) Text- und Bildverarbeitung // 4) Datenträger // 5) Wissensorganisation // 6) Website-Entwicklungen und neue Sehgewohnheiten // Fünf Verschiebungen // 1) Von linearen Zeichenfolgen zu bewegten Bildern // 2) Von statischen Datenklumpen zu Ereignis-Strömen // 3) Von großen Zusammenhängen zu flüchtigen Intensiv-Ereignissen // 4) Von einem externen Vorne zu dynamisch-vernetzten Mitten // 5) Von komplexen Inhalten zu Informationshäppchen.
In dieser Episode kommen wir auf die drei Zeitmuster von Michael Schüßler "Ewigkeit, Geschichte, Ereignis" zurück. Speziell geht es um die Verschiebung ins Ereignis-Dispositiv. Im Verlauf der letzten Jahrzehnte hat sich das Verständnis von der einen großen Geschichte abgeschwächt. Stattdessen nimmt unser Bewusstsein in unserer medialen Kultur Zeit eher fragmentarisch, bildhaft und punktuell wahr. Es ist die Verschiebung von einem linear-kontinuierlichen Zeitfluss hin zu einem ereignisbasierten Erleben einer Netzwerkgesellschaft.
Seit einiger Zeit haben apokalyptische Untergangsszenarien wieder Hochkonjunktur. Allerdings sollte das Apokalyptische nicht mit dem Messianischen verwechselt werden. Messianische Zeit hat eine eigene Struktur. Wenn wir Kirche als messianische Gemeinschaft in der Zeit verstehen, ist es wichtig, sich mit den Merkmalen der messianischen Zeit zu befassen. (1) Messianische Zeit ist ganz nah und zugleich flüchtig. (2) Messianische Zeit ist von Dringlichkeit gekennzeichnet. (3) Messianische Zeit bringt Leben zur Erfüllung. (4) Messianische Zeit bedeutet eine immer neue Unterbrechung. (5) Messianische Zeit hat eine winzig-kleine Struktur. (6) Messianische Zeit erscheint als endlose Dehnung. (7) Messianische Zeit beinhaltet aktivierende Energie.
Auch wenn in der Neuzeit das mittelalterliche Ewigkeitsdispositiv an Deutungsmacht verloren hat, finden sich in den christlichen Geschichtsdeutungen immer noch der Rückbezug zum normativen Ursprung. Selbst wenn von Heilsgeschichte gesprochen wird, kann damit eine Restauration des Anfangs gemeint sein. Es ist wichtig, sich diese Strukturmuster klarzumachen, um dem Sinn der christlichen Botschaft und der Gestalt einer „messianischen Gemeinschaft in der Zeit“ auf die Spur zu kommen.
Mit der Verschiebung von einem an der Ewigkeit zu einem an der Geschichte orientierten Zeitverständnis kommt die bisherige Form von Kirche enorm unter Druck. Die gestaltbare Zukunft findet Eingang in die diesseitige Welt. Menschen werden zu Akteuren und Gestalter:innen von Gottes neuer Friedenswelt. Hierarchien werden nicht mehr als gottgegeben und unhinterfragbar hingenommen. Biblische Texte werden historisch untersucht. Gott ist nicht mehr "über mir", sondern "vor mir". Parallel dazu gibt es Bestrebungen, zurück zum Ursprung zu gehen und diesen als Referenzpunkt für weitere Entwicklungen zu verwenden. All dieses ist der Nährboden für Reformen und Revolutionen.
Das raumorientierte, eher statisch gedachte Kirchenverständnis liegt zu weiten Teilen im griechischen Begriff von "Ewigkeit" begründet. Häufig wird Ewigkeit dabei mit Unendlichkeit gleich gesetzt. Das ist aber irreführend. Nach althebräischem Verständnis geht es bei dem, was im Deutschen mit "Ewigkeit" übersetzt wird, eher um eine Intensivierung von Zeit. Je mehr wir uns auf das biblisch-hebräische Verständnis einlassen, desto weniger können wir Kirche als vorrangig raumorientierte Gemeinschaft denken. Wenn also die Teilhabe an der göttlichen Welt eine Erfahrung höchster Vitalität und Dynamik ist, wie ließe sich diese lebensbejahende Erfahrung bereits jetzt in christlichen Gemeinschaften abbilden?
Um das Besondere des heutigen Zeitverständnisses besser zu verstehen, ist es hilfreich, sich als Kontrast in das mittelalterliche Zeitempfinden hineinzuversetzen. Mit der Ausbreitung des Christentums in Europa wurde die Agrar-Zeit in eine Sakral-Zeit eingebettet. Damit wurde die zyklische Geschichtserfahrung auf ein Ziel hin ausgerichtet. Durch Einflüsse der griechischen Philosophie und dem damit verbundenen Verständnis von Ewigkeit wurde das Wahrheits-, Glaubens- und Kirchenverständnis immer mehr verräumlicht. Zeit war eine Kategorie, die allein in die vergängliche Welt der Menschen gehörte. Diese Ansichten wirken bis heute nach und verhindern ein dynamischeres Verständnis von Kirche. // Quellen: Hohn, Hans-Willy: Zyklizität und Heilsgeschichte, in: Zoll, Rainer (Hg.): Zerstörung und Wiederaneignung von Zeit, Frankfurt a.M. 1988, S.120-142. / Hölscher, Lucian: Die Entdeckung der Zukunft, Frankfurt a.M. 1999. / Gloy, Karen: Philosophiegeschichte der Zeit, Stuttgart 2008. / Zum Begriff der "Zielgeschichte" siehe: Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung, Kapitel 33-42, Frankfurt a.M. 1985, S. 1000.
Unter dem Motto »Es schimmert« trafen sich ca. 50 Akteur:innen am 3. / 4. März 2023 zur Kick-off-Veranstaltung »Ökumenisches Netzwerk Kirchenentwicklung« in Bremen. // Die Audio-Qualität ist nur eingeschränkt gut, weil der Vortrag mit dem Handy aufgenommen wurde. // https://www.ackn.de/oekum_netzwerk_kirchenentwicklung
Die These: In einer eher raumorientiert gedachten Kirche werden Gottesdienste zu Sitz- und Zuhörveranstaltungen. Um sich als Wir „in Christus“ zu finden und für Christus auszuschwärmen, braucht es ein neues Verständnis einer „Kirche in der Zeit“. Mit diesem Hintergrundmuster lassen sich besser äußere und innere Prozesse wahrnehmen und anleiten. So betrachtet, ist der sonntägliche Gottesdienst nicht mehr das Zentrum der Gemeinde, sondern eher eine Art von Zwischenlandung einer ansonsten beständigen Beziehungsdynamik.
Ausgehend von der Habilitationsschrift von Dr. Michael Schüßler erkunden wir drei Phasen des Zeitempfindens: das Ewigkeitsdispositiv im Mittelalter, das Geschichtsdispositiv in der Neuzeit und das Ereignisdispositiv in der Postmoderne. Diese Reflexion hilft zu verstehen, warum sich manches theologische Denken wie „aus der Zeit gefallen“ anfühlt. Zudem öffnen sich Horizonte, wie Gottes Präsenz in heutiger Zeit gedacht werden kann und biblische Inhalte vermittelt werden können.
Um sich weiter mit einer "Kirche im Fluss der Zeit" zu beschäftigen, ist es hilfreich, die verschiedenen Typen des Räumlichen und Zeitlichen zu unterscheiden. Bei einer Verzeitlichung des Raumes geht es nicht nur um ein chronologisches Geschichtsbewusstsein. Ferner spielen auch Ereigniszeit, asynchrone Zeitmuster, intensivierte Zeiterfahrungen und verschränkte Zeit eine Rolle. Zur Vertiefung eine kurze Einführung in die Ansichten von Vilém Flusser und seine Überlegungen zur Beschaffenheit von digitalen Bildern.
Endlich geht es weiter. Nach fast vier Jahren Pause starten neue Episoden zum Thema "Fluide Kirche". Alles vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und dem digitalen Wandel. In dieser Episode gibt es einen kurzen Überblick über das, was geplant ist. Alles dreht sich darum, eine "Kirche in der Zeit" zu denken und zu leben. Mal sehen, wo uns das hinführt. // Tipp: Schau mal bei zukunftspilgern.de vorbei.
Aktuell muss der Podcast "Fluide Kirche" leider ein bisschen pausieren. Bald geht es weiter. Es sind schon neue Folgen geplant. Alternativ sind auch die anderen Podcasts interessant: (1) Bibelkunde Neues Testament, (2) Radikale Reformation und (3) Drei Gesichter des Evangeliums.
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, wie Kirche auf die "Flüchtige Moderne" und die "Verflüssigung von Religion" reagieren kann: 1) Sakramentalistisch, 2) Laizzes-fair, 3) Moralisierend und 4) Event-orientiert. Jedes dieser Muster ist in gewisser Weise unbefriedigend. In einer fünften Variante geht es um "Mündigkeit" und "Bündnis". Wie gelingt es, Kirche als reflektierte Erzählgemeinschaft und konstruktiv-kritische Diskursgemeinschaft zu konzipieren?
Hinter der Formulierung "Gnade und Wahrheit" aus Joh.1,14.17 steckt die althebräische Formulierung "häsäd wä ämät". Das, was auf den ersten Blick unscheinbar aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als größter Schatz für unser Bild von Gott und die Beziehung zu ihm. Komm und tauche mit ein in diesen großartigen Ausdruck des Evangeliums. Schon in den Psalmen (85,11) steht: "Häsäd und Ämät werden sich begegnen. Gerechtigkeit und Schalom werden sich küssen." Und in den Sprüchen (3,3) finden wir die Aufforderung: "Nie sollen dich Liebe und Treue (häsäd wä ämät) verlassen, binde sie um deinen Hals und schreibe sie auf die Tafeln deines Herzens."
Im 1. Korintherbrief beschreibt Paulus den auferstandenen Christus als "mitwandernden Felsen". Das, was auf den ersten Blick kurios wirkt, deutet auf ein anderen Wirklichkeitsverständnis hin. Die alten Hebräer haben Gottes Stabilität nicht als Unbeweglichkeit, sondern als Zuwendung und Verlässlichkeit erlebt. Ihr ganzes Denken bewegte sich mehr in der Zeit als im Raum. Zeit wurde dabei weniger chronologisch, sondern vielmehr qualitativ und miteinander verschränkt verstanden. All das hilft uns, Kirche als ein "Haus in der Zeit" zu konzeptionieren.
Die Sehnsucht nach mehr Erleben öffnet die säkular-postmoderne Kultur immer mehr für buddhistischen Ansichten. Mir scheint es aber noch interessanter zu sein, das althebräische Wirklichkeitsverständnis für die heutige Zeit fruchtbar zu machen. Die Kategorie der "Zeit" ist dabei keine Bedrohung für die Kirche und ihr Wahrheitsverständnis. Im Gegenteil: Diese Impulse verweisen uns auf den personalen und beziehungsorientierten Charakter von Wahrheit. Vom jüdischen Volk können wir lernen, wie es möglich ist, eine kollektive Identität im "Fluss der Zeit" zu bewahren und zu modulieren.



