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Morgenimpuls
Morgenimpuls
Author: DOMRADIO.DE
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Mit einem guten Gefühl in den Tag starten: Montag bis Freitag erzählt die Olper Franziskanerin Schwester Katharina von ihren Gedanken über Gott und die Welt. Am Samstag und Sonntag sprechen im Wechsel die Religionslehrerin Vanessa Grbavac und Pfarrer Stefan Wißkirchen. Im Radio um 6.15 Uhr und als Podcast.
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Ich mache eigentlich schon mein halbes Leben Musik. Meine erste Gitarre habe ich mit zwölf bekommen. Genau genommen war sie Bestechung. Ich sollte zum Zahnarzt. Riesendrama damals. Die Gitarre war das Druckmittel. Am Ende hat beides funktioniert. Ich war beim Zahnarzt – und hatte danach diese völlig einfache Akustikgitarre in der Hand. Keine besondere Marke. Eigentlich sogar ein ziemlich schlechtes Instrument. Die Saiten viel zu hoch, die Bünde furchtbar weit auseinander. Im Nachhinein fast ungeeignet, um dranzubleiben. Aber irgendwie hat genau das geklappt. Später kam die erste E-Gitarre dazu, kleine Bands, Auftritte in Kneipen. Manchmal gab’s als Bezahlung einen Hut, der rumging. Oder ein Schnitzel. Und bis heute liebe ich genau das: gemeinsam Musik machen. Dass ein Song plötzlich entsteht, weil jeder etwas Eigenes hineinlegt. Und irgendwann passiert dabei etwas Merkwürdiges: Man denkt nicht mehr über jeden einzelnen Griff nach. Man spürt, was kommt. Man hört die anderen und weiß irgendwie, wann man selbst einsetzen muss. Wann es laut werden darf. Wann leise. Wann man einfach mitgeht. Nur manchmal stehen da bei Auftritten diese Menschen mit verschränkten Armen. Ganz regungslos. Die schauen ganz genau hin. Auf jeden Griff. Jeden Fehler. Die Musikpolizei. Und jedes Mal passiert dasselbe: Ich denke nach. Wo müssen meine Finger hin? War der Akkord gerade richtig? Was kommt als Nächstes? Und in dem Moment verschwindet etwas. Die Leichtigkeit. Die Intuition. Das Vertrauen in das, was eigentlich längst da ist. Manchmal kenne ich das auch vom Leben und vom Glauben. Ich will die richtige Entscheidung treffen. Das Richtige sagen. Richtig reagieren. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger weiß ich manchmal, was eigentlich richtig ist. Dabei glaube ich, dass Gott uns nicht nur die Fähigkeit gegeben hat, nachzudenken. Sondern auch die Fähigkeit zu spüren. Dieses manchmal ganz leise Gefühl: Das hier stimmt gerade. Oder: Irgendetwas stimmt hier nicht. Bleib noch einen Moment. Sag jetzt etwas. Oder sag lieber nichts.Natürlich ist dieses Gespür nicht unfehlbar. Manchmal kann ich mich irren. Aber vielleicht muss ich ihm deshalb nicht grundsätzlich misstrauen. Vielleicht darf ich darauf vertrauen, dass Gott mir nicht nur einen Kopf zum Denken gegeben hat, sondern auch dieses feine Gespür für mich selbst, für Situationen und für andere Menschen. Und vielleicht ist Glauben manchmal genau das: Nicht jeden Griff noch einmal kontrollieren. Sondern hinhören. Hinspüren. Und darauf vertrauen, dass Gott auch dort sein kann. So wie damals mit dieser ziemlich schlechten Gitarre in der Hand. Ich konnte eigentlich noch nichts. Aber ich habe einfach angefangen zu spielen.
Morgen Abend ist "All Hallows Eve", der Abend vor dem Allerheiligenfest. Und viele Jüngere sind fasziniert davon, dass man sich an diesem "Halloween" so schön gruseln kann. Also das Unbekannte, Fremde, Unheimliche, chaotisch Angstmachende wird gefeiert. In den Laudes des Stundenbuches gibt es einen Hymnus, der sich genau damit befasst: "Nacht und Gewölk und Finsternis,verworrnes Chaos dieser Welt,entweicht und flieht! Das Licht erscheint,der Tag erhebt sich: Christus naht."Dieser Vers gibt so quasi den Befehl, dass das Chaos dieser Welt zu verschwinden hat, weil der Tag sich aus dem Schlaf erhebt und Christus kommt. Viele von uns haben den Eindruck, dass sie das verworrene Chaos, das in der Welt ist, nicht mehr entwirren können."Jäh reißt der Erde Dunkel auf,durchstoßen von der Sonne Strahl,der Farben Fülle kehrt zurückim hellen Glanz des Taggestirns. So soll, was in uns dunkel ist,was schwer uns auf dem Herzen liegt,aufbrechen unter deinem Lichtund Dir sich öffnen, Herr und Gott"So wie die Sonne mit der Dunkelheit Schluss macht und die Farben und der Glanz so manchen Morgen so richtig strahlen lassen, so könnten wir alles was uns bedrückt, den Tag schwer macht und lästig wird, vertrauensvoll Gott hinhalten und von ihm aufbrechen und uns Lösungen finden lassen."Blick tief in unser Herz hinein,sieh unser ganzes Leben an:Noch manches Arge liegt in uns,was nur Dein Licht erhellen kann.Dir Christus, guter Herr und Gott,dem ewgen Vater der uns liebt,dem Heilgen Geist, der bei uns ist,sei Lob und Dank in Ewigkeit. Amen"Jede und jeder von uns hat so seine dunklen Geheimnisse, seine Leichen im Keller, wie man so sagt, und trotzdem gibt dieser Vers den Tipp, auch diese Dinge unter dem Licht Gottes anzuschauen und an den Tag zu bringen. Und in allem verworrenen Chaos innen und außen, in aller Problematik unseres Lebens und dieses Tages kann ich Gott loben und danken, weil er der gute Vater ist, der uns liebt, und den Heiligen Geist, der bei uns ist.
Gestern waren wir mit einigen Schwestern in Rahrbach, einem kleinen Dorf hier im Sauerland. Und mitten im Dorf steht eine Kirche, die vor fast 800 Jahren von ihren Einwohnern erbaut worden ist. Und auf einer Tafel außen an der Wand wird an die Bewahrung vor einem großen Brand erinnert. Und es wird beschrieben als das Rahrbacher St. Agatha-Wunder vom Freitag dem 17. Mai 1737. Und in der altehrwürdigen Kirche sind viele verschiedene Heiligenfiguren aus sehr verschiedenen Zeiten, in denen sie gerade "up to date" waren, wie die Frauen berichtet haben, die uns alles gezeigt haben. Sie wollten sagen, der Kirchbau an sich ist schon so geblieben, aber die Innenausstattung hat sich immer gewandelt, je nach Epoche, je nach Geschmack, je nach den Intentionen der Spender.Und jetzt hat eine Gruppe von Frauen, die sich seit vielen Jahren für Ihre Kirche und Gemeinde engagieren, eine wunderbare Idee umgesetzt. Der äußere Kirchbau ist geblieben und die Innenausstattung auch, aber es ist etwas dazugekommen. Es gibt jetzt im Eingangsbereich ein Pult, an dem man per Klick verschiedene Beleuchtungen, Musik, Andachten, Texte und Lieder anschalten kann. Und wir haben uns mit den alten Schwestern eine zehnminütige Ansprache mit einem Lied zum Thema "Es ist genug" angehört. Zwischendurch wechselte ganz langsam die Lichtfarbe der angestrahlten Wände und Pfeiler und somit das Empfinden von Raum und Zeit. Es war danach noch länger still, weil es uns gutgetan hat und wir zum Nachdenken über diese Worte und Gedanken gekommen sind.Und die Frauen haben erzählt, dass ja überall immer weniger Menschen zu den üblichen Gottesdiensten kommen und sie deshalb überlegt haben, was man denn tun könne. Und tatsächlich wollten sie etwas anbieten, was Menschen anspricht und zum Verweilen einlädt, zum Hören, Schauen, Staunen und Nachdenken. Und sie nennen die Kirche jetzt "Lichtkirche" mitsamt ihrer mehrfachen Bedeutung. Zum einen wollen sie mit den vielen Lichtmöglichkeiten eine andere Sichtweise vermitteln. Dann wollen sie auf das Wort Jesu verweisen der, gesagt hat: Ich bin das Licht der Welt. Und dann sagten sie mit einem Schmunzeln, dass sie hoffen, dass dem einen oder anderen Besucher dabei ein Licht aufgeht und er oder sie von diesem Licht mit in seinen Alltag nehmen kann.Das uralte Gebäude der Kirche ist geblieben, aber wie in den Jahrhunderten vorher wird der Innenraum neu gefüllt mit den Dingen, die zurzeit IN sind: Licht, Musik, Texte ohne vorgefertigte Strukturen oder Abläufe. Damit jeder, der die Kirche besucht, etwas finden kann: bei sich selbst, bei Gott und für den Nächsten, die oder der mit ihm zu tun hat.
Im Lukasevangelium gibt es eine Stelle in der heute berichtet wird, dass Jesus eine ganze Nacht im Gebet verbringt, um am nächsten Tag seine Jünger zusammenzurufen. Er bespricht mit seinem Vater im Himmel, wie seine Gefolgschaft aussehen soll und wie es weitergehen soll mit der Ausbreitung seiner Botschaft vom liebenden Gott. Am nächsten Tag wählt er sich aus ihnen seine 12 engsten Freunde, Berater, Begleiter, Verkünder aus. Und diese zwölf könnten unterschiedlicher nicht sein: der impulsive Petrus, der stillere Johannes, die Donnersöhne und so weiter. Allein die beiden, an die heute gedacht wird, Simon und Judas Thaddäus, sind wenig genannt und treten kaum in Erscheinung. Aber sie gehören zu denen, die sich Jesus in seinen engsten Kreis geholt hat. Vielleicht wird an ihnen deutlich, dass es nicht um sie gehen soll, sondern um Jesus. Dass nicht die Boten, die Überbringer der Botschaft im Vordergrund stehen sollen, sondern die Botschaft selbst und der, der sie ausgeschickt hat. Ich kennen so viele Menschen, die unglaublich viel Engagement in ganz vielfältigen Dingen in Kirche und Gesellschaft zeigen und vieles voranbringen, was durch hauptamtliche Kirchenleute immer wieder vertagt und nicht entschieden wird. Und die meisten dieser Engagierten werden von sich echt nicht behaupten, Visionäre zu sein, die an erster Stelle stehen, sondern eher gern an zweiter Stelle, und dann das tun, was andere liegenlassen oder sich nicht anzupacken trauen, weil es heiße Eisen und neue Dinge sind, die sich entwickeln und wo man noch nicht genau weiß, wo es hingehen wird.Aber wahrscheinlich ist das der Punkt: viele Menschen sind wie Simon und Judas Gesandte ihres Herrn und tun das, was ER ihnen aufträgt, was andere liegen lassen, was andere sich nicht trauen. Und dadurch, und genau durch sie, wird das Evangelium verkündet, Jesus und seine Botschaft für die Menschen in den normalen, einfachen Dingen vorangebracht und ohne Gedöns – wie man in Köln sagt – die Kirche aufgebaut.
Mehrmals in der Woche besuche ich unsere alten Schwestern im Altenheim und bin immer wieder begeistert, wie intensiv oft unsere Gespräche sind. Eine unserer dementen Schwestern ist mir dieser Tage fast entgegengerannt und ist mir um den Hals gefallen, als ich gekommen bin. Also habe ich sie auf meinen Besuchstouren durch das Haus mitgenommen. Sie kann kaum noch sprechen, aber ihre emotionalen Bewegungen sind ja ungebrochen da und entsprechen auch dem, wie ich sie kenne.Mit einer unserer hochalten Schwestern kam ich also ins Gespräch über die Schwächen unserer Kirche und die vielen Missstände in den Leitungspositionen, die vielfältigen Missbrauchsvergehen und den schlechten Umgang mit den Opfern. Die Mitschwester hat sich sehr ereifert und erzählt, dass sie schon manchmal gebetet hat, der Herr möge doch endlich mal seine ganze Macht und Herrlichkeit zeigen und damit beweisen, dass er da sei und all das Böse, das geschieht, nicht ungestraft geschehen lässt. Ich würde an Gottes Stelle mal so richtig auf den Tisch hauen, damit es endlich alle begreifen.Ich habe ihr zugehört und zunächst nichts gesagt und dann kam der Satz, den ich von so einer alten Schwester nicht erwartet hätte. Sie sagte: "Aber weißt Du, Gott hat den Menschen bei seiner Erschaffung einen freien Willen gegeben und dieser freie Wille ist diesem Gott so wichtig, dass er niemanden mit Gewalt zwingen wird, anders zu handeln. Seine einzige Möglichkeit der Einflussnahme ist, ihm zu zeigen, dass er ihn liebt."Ich war sehr bewegt und berührt und wir haben sehr lange geschwiegen und nachgedacht und wir hatten die demente Schwester, die gemütlich im Sessel saß, fast vergessen. Als ihr das Schweigen wahrscheinlich zu lange gedauert hat, hat sie den Kopf gehoben uns angestrahlt und gesagt: "Genau, lieb haben!"Wir haben gelacht und dann ist mir erst bewusst geworden, was die Konsequenz dieser zwei Worte war: Wenn schon Gott der Allmächtige seine Macht nur zeigen kann, in dem er die Menschen liebt, mit all ihren guten und bösen Seiten, so können auch wir, die wir uns Christen nennen, gar nicht anders als nur lieb haben. Das ist oft nicht so easy, wie es klingt, und nicht unbedingt leicht, wenn man um die Schwächen und Bösartigkeiten weiß, aber es gibt keine andere Möglichkeit: nur lieb haben.



