DiscoverVerliebt in die Weisheit
Verliebt in die Weisheit
Claim Ownership

Verliebt in die Weisheit

Author: Harald Seubert

Subscribed: 2Played: 18
Share

Description

Prof. Harald Seubert gibt in kurzen Episoden Impulse zum Thema Philosophiegeschichte, Politik, Glaube und was sonst noch gedacht werden kann.
Mehr unter: https://harald-seubert.de/
48 Episodes
Reverse
Menschliche Sinnorientierung fragt gerade unter den hochtechnologischen und komplexen Voraussetzungen der Gegenwart tiefer: Sie richtet sich auf das unterscheidend Menschliche. Dies ist die Aufgabe philosophischer Bildung, die nach den Gründen und transzendenter Wahrheit fragt und verhindert, dass der Mensch zur Simulation seiner selbst wird. Grund genug, dem Gang des europäischen Denkens nachzugehen.
Im fünften Jahrhundert beginnt bei den Griechen das philosophische Denken. Es fragt nach dem Logos, der Mensch und Kosmos leitet. Parmenides sieht ihn im Denken des Einen, Heraklit im Verhältnis der Gegensätze, der palintropos harmonia: Ein doppelter Anfang der abendländischen Weltphilosophie, der bis in die Gegenwart nachwirkt
Sophisten waren Virtuosen des Argumentierens und zugleich des Verdrehens. Sie erschütterten die antike Götterfurcht und erklärten den Menschen zum „Maß aller Dinge“ (Protagoras). Weniger um Wahrheit als vielmehr um Meinungsmacht ging es ihnen. Aufklärer waren sie gegenüber anderen aber nicht gegenüber sich selbst. Sophistische Scheingefechte sind, wenn man genauer hinsieht, auch im heutigen Zeitgeist präsenter als man denkt.
Sokrates fragt nach dem Wesen der Dinge. Was ist etwas? Die Leuchtkraft der Wahrheit unterscheidet sich vom Talmi des Scheins. So wird er zum Anti-Sophisten. Sokrates hat keine schriftliche Zeile hinterlassen. In Platons Werk lebt sein Denken. In den frühen Sokrates-Dialogen will er wissen, wie sich die Dinge in Wahrheit verhalten und wie man leben soll. Sie bohren so tief bis sie an unlösbare Fragen stoßen. Dabei versteht er Philosophieren als eine Art rationalen Gottesdienst.
Philosophieren war von Anfang an nicht eine freischwebende Kunst um der Kunst willen. Das Denken versucht Licht ins Dunkel des gelebten Lebens zu bringen: Die großen Mächte des Daseins, Eros und Tod wollen verstanden werden. Platon fragt deshalb nach der Unsterblichkeit der Seele (Phaidon) und der Macht des Eros (Symposion): Sie kann zu höchster Klarheit führen und sie kann in den Abgrund reißen.
Was ist Gerechtigkeit? Und wie zeigt sie sich in der kleinen Schrift der Seele und in der großen Schrift, der Polis im Zusammenleben der Menschen? Diese Fragen bewegt Platon in seinem Hauptwerk ‚Politeia‘, in dem die verschiedenen Fäden zusammenlaufen. Das ist weit mehr als eine Utopie: Es ist der atopische Entwurf eines Lebens und Denkens gemäß der Idee des Guten: fremd und faszinierend zugleich.
Nach der in den Himmel geworfenen idealen Polis in Platons ‚Politeia‘, wendet er sich ein zweites Mal der Frage der Gesetzgebung zu. Diesmal konkreter, auf Kompromiss und menschliche Bedürfnisse bezogen. Nicht die „Idee des Guten“ ist hier der Maßstab, sondern das „mögliche Beste.“ Das kommt den heutigen vielfachen Bedingungen des Politischen näher und ist teils hoch aktuell. Denn kein Gesetz ist Herr über die eigene Auslegung. Freilich: Aufs Urbild sollte man zuerst blicken, nicht aufs Abbild. Oder: Der Kompromiss muss schmerzen.
Philosophische Alterswerke sind mitunter von besonderer Prägnanz. Das Labyrinth lichtet sich. Sie holen ein, was bislang zweitrangig schien. Bei Platon ist dies die Frage nach dem Vergänglichen, nach Werden und Vergehen und nach der Natur. So entwickelt er (im ‚Philebos‘) die Frage nach dem aus Bedürfnis und Einsicht gemischten menschlichen Leben und (im ‚Timaios‘) den wahrscheinlichen Mythos der Entstehung der Welt, die eine Mischung ist aus Schönheit und Vergänglichkeit; Urbild der großen Kunst, Abbild des Kosmos.
Dass wir erkennen können, hängt von der Beziehung von Wahrnehmung und Erfahrung auf Kategorien ab. Nicht nur Erfahrungen müssen sich verbinden, sondern die Überbegriffe und Leitlinien, nach denen wir sie ordnen. Was sich auf dieser Ebene verbindet und was nicht (Werden-Vergehen; Sein-Nichts; Bewegung-Ruhe), das hat Platon in seinen großen Spätdialogen vor allem im ‚Sophistes‘ und im ‚Politikos‘ untersucht. Damit hat er eine Kernmethode der Philosophie entwickelt: die Dialektik In engstem Zusammenhang damit steht die Unterscheidung von Wahrheit und Täuschung.
Platons Denken hat wahrhaft Schule gemacht. Die großen (Neu-)Platoniker bringen die Labyrinthe seiner Dialoge in einer systematische Gestalt: Einheit-Vielheit, Ewiges- Zeitliches werden unterschieden und sie haben aneinander teil. Am Anfang steht das unerreichbare, ewige Eine. Die Seele aber vermittelt zwischen Göttlichem und Endlichem. Die großen Summen von Plotin, Proklos und vielen anderen: dieses „Denken des Einen“ (W. Beierwaltes), wird zum Begriffsmuster, in dessen Begriffe die christliche Offenbarungswahrheit zu fassen ist.
Platons Schüler Aristoteles (385-423 v. Chr.) prägte die Architektur der Philosophie als des disziplinierten Denkens, wie sie bis heute besteht: Logik, Theoretische Philosophie (Physik, Metaphysik), Praktische Philosophie: Das Wissen, um zu handeln (Ethik, Politik, Ökonomie), Poietische Philosophie: Die Prägungen der Kultur. Deshalb erhielt er im Mittelalter den Ehrentitel: „Der Philosoph“. Platon galt eher als Mystiker und „Theologe“. Oder wie Günter Patzig einmal prägnant sagte: Platon ist der Größte und Aristoteles der Beste.
Die Grenzen der Erfahrung erfahren Die ‚Erste Philosophie‘ oder Erste Wissenschaft fragt nach den Gründen, nach den allgemeinen Strukturen des Seins und zuletzt nach dem höchsten Seienden Gott. Sie fragt aus theoretischem Interesse nach dem, was das Innere der Welt zusammenhält. Metaphysik und Theologie sind daher bei Aristoteles eng ineinander verzahnt. Die metaphysischen Fragen sind – vielleicht, wie immerhin Kant meinte-, notwendige Fragen des endlichen Menschen. Ein „nachmetaphysisches Denken“ (Habermas) kann es daher nicht geben. Wohl aber ist „Solidarität mit der Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes“ (Adorno) für ein humanes menschliches Leben unerlässlich.
Dem Wissen um zu wissen, setzte Aristoteles das Wissen, um zu handeln an die Seite. Es ist Sache der Ethik und in der Rahmung Politik. Hier entwickelte er die bleibenden Maßstäbe von Mitte und Maß, die sich allerdings nicht arithmetisch-mathematisch definieren lassen, sondern Erfahrung und Einsicht erfordern: Phronesis und ein Ethos wie in der sicheren Übung. Noch immer unerlässliche Maßgaben, um das Glück nicht mit Sicherheit zu verfehlen. Denn seine Bedingung ist der Bios, die Lebensform, nicht nur die augenblickliche Lust (hedone).
Wenn für Platon die Polis auf der Aristokratie beruhte, so ist es für Aristoteles die Gemeinschaft der Bürger, die in Streit und Konsens das „mögliche Beste“ erfasst. Aristoteles wird in seiner praktischen Philosophie zum ersten entschiedenen Exponenten des Republikprinzips. Die republikanische Polis ist immer eine Rechtsgemeinschaft der Verschiedenen. Regieren und Regiertwerden bedingen und erfordern einander wechselseitig.
Für „den Philosophen“ war der Zusammenhang von Stadt und Seele noch untrennbar. Ein gelingendes Leben als Mensch konnte man nur in der Rolle des freien Bürgers haben. Das ändert sich in den spätantiken Großreichen. Kosmos und Privatleben werden die möglichen Glücksorte. Die Stoiker wollen in der Welt so zuhause sein, wie im eigenen Leib. Die Epikureer erträumen sich eine Welt als Garten. Ist Glück zugleich Erlösung, kann dieses Glück in der Welt gewonnen werden? Brennende und bis heute brisante Fragen.
Hegel zufolge führt die Philosophie der Antike zur Verfestigung und Ausbildung der Begriffe. In der Moderne müssen diese selben Begriffe verflüssigt und in Bewegung versetzt werden. So ist die Antike unser „nächstes Fremdes“. Ohne sie wäre das Mittelalter, wären aber auch die vielfachen Denkwege der Neuzeit bis heute nicht möglich gewesen. Alles geschichtliche Denken konfrontiert uns „mit den Alten“. Auch wenn wir sie vielleicht irgendwo übertreffen, aber niemals erreichen werden.
Aurelius Augustinus (354 n. Chr- 430 n. Chr.) kaum auf Umwegen, über die antike Rhetorik und das Einheitsdenken des Neuplatonismus, zur sein Leben verändernden christlichen Grunderfahrung. Er durchlief die verschiedenen Denkformen der Antike, u.a. die Skepsis: Auch dies macht sein Denken und Leben so differenziert und reich. So formuliert er als erster die Aussage, dass es das denkende Ich ist, das cogito, das jenseits des Zweifels und des Bezweifelbaren steht: Ein Gedanke, den René Descartes (1596-1650) im 16. Jahrhundert zu großer Wirkung bringen und damit zum „Vater der neuzeitlichen Philosophie“ werden wird.
Dasselbe menschliche Ich verweist bei Augustinus aber auf seine Geschichte und seinen Grund. Entscheidend bei der Identifikation sind die Memoria (Gedächtnis) und das Nachdenken über die eigene Zeit. Von ihr meinen wir zu wissen, was sie ist, wenn wir nicht danach fragen, oder gefragt werden; wenn wir aber danach gefragt werden, ist alles offen. Wie Augustin in seinen ‚Confessiones‘ sagt, steht und ruht die eigene Zeit in Gott. Alles Nachdenken über die Zeit bis in die Gegenwart ist Aurelius Augustinus‘ Ansatz verpflichtet. Oder anders gesagt: Dem ‚cogito‘, dem ‚ich denke‘, geht ein ‚cogitor‘ voraus: ‚ich werde gedacht‘, durch den, den ich Schöpfer und Grund des Selbst nenne.
Augustinus zeigt, dass der Grund des Menschen in dem Gott liegt, der von sich sagen kann: „Ich bin ich“, oder „Ich werde sein, der ich sein werde“. Rudolph Berlinger (1907-1996) sprach deshalb von der „Exodusmetaphysik“. Sie gipfelt darin, dass Augustinus die Dreieinigkeit Gottes als universale Wahrheit versteht, die im menschlichen Geist und in der natürlichen Welt vielfache Abbilder und Spiegelungen hat: etwa in der Dreiheit von Denken, Fühlen, Wollen. Dass Gott ein dreieiniger ist, ist und bleibt ein Geheimnis. Doch viele Spuren weisen darauf hin, dass es so sein muss.
Die Realität des Göttlichen und damit Gottes war für die antike Philosophie unbestreitbar. Anselm von Canterbury, auch: Anselm von Aosta (1034-1109) suchte nach dem einen Argument, das zeigt, dass einzig Gott notwendigerweise gedacht werden muss: nicht nur als Möglichkeit, sondern als notwendige Wirklichkeit. Wie dieser Gedanke aussieht, wie er begründet wird und wer bzw. was gegen ihn sich aussprach erfahren Sie hier.
loading
Comments