Zuhause ist ein sehr dehnbarer Begriff. Wo bin ich denn zuhause? Was ist mein Zuhause? Wir haben im Konvent an der Wohnungstür ein gemaltes Schild mit einem Haus und zwei Worten "Zuhause, zuhause". Eine Mitschwester hat es gemalt und dorthin gehängt um das wirkliche Zuhause zu kennzeichnen. Also nicht mehr das Elternhaus, nicht mehr die Studentenbude aus Studienzeiten, sondern hier bei uns ist ihr wirkliches Zuhause. Und das geht Menschen nicht nur heute so.Elisabeth von Thüringen, die Landesherrin, lebte meist auf der Wartburg, wo es aber, weil es der Herren- und Regierungssitz war, viel zu laut und viel zu militärisch zuging. Ihr erstes Zuhause quasi, seit sie aus Ungarn mit vier Jahren dorthin gebracht und später verheiratet worden war. Ihre drei Kinder bekam sie auf der Creuzburg, die nur eine kurze Strecke von der Wartburg entfernt liegt. Aber ihre allerliebste Burg, also das Zuhause-Zuhause war die Neuenburg, die hoch über dem Städtchen Freyburg an der Unstrut liegt. Sie war die größte Burg der Landgrafen von Thüringen und sehr viel später eine bedeutende Station an der Straße der Romanik.Ich gebe gern zu, dass erst der etwas beleidigte Hinweis eines Freundes, dass wir immer nur zur Wartburg fahren aber die Neuenburg nicht kennen, mich voriges Jahr im Urlaub bewegt hat, dorthin zu fahren und mir nicht nur alles anzuschauen sondern auch zu staunen über den unglaublichen Wechsel der Geschichte, den man darin atmet und die Erkenntnis, dass manche Orte, die nicht so touristisch gepusht worden sind, immer mehr ihre Schönheit zeigen und Begeisterung auslösen. Heute fährt, weil ich davon so begeistert erzählt habe, ein Bus voller Frauen hier aus Olpe dorthin. Sie werden einen erstaunlichen Ort erleben, der mehr als 1000 Jahre alt ist und das Gedenken an die junge Elisabeth von Thüringen, die dort oft viele Monate mit ihren Kindern gelebt hat und den Frieden dieses Ortes sehr geschätzt hat. Diese Frau, die nur 24 Jahre alt geworden ist, hat trotzdem ein Zuhause für sich gefunden, wo sie, wenn auch oft nur für kurze Zeit, glücklich in Ruhe sein konnte.Wo ist dein eigentliches Zuhause-Zuhause? Wo fühlt es sich an, wie ruhige Geborgenheit und Wärme und nachhause kommen? Für viele ist es längst nicht mehr der Ort, wo sie geboren und aufgewachsen sind, sondern dort, wo sie mit Gegebenheiten und Menschen leben, die ihnen guttun. Für unsere Zukunft gibt es dann noch die schöne Zusage Jesu an uns, seine Jüngerinnen und Jünger: "Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen und ich gehe hin, um euch dort eine Wohnung zu bereiten"Also dann ein neues wirkliches Zuhause für die Ewigkeit.
Es gibt so Dinge, da weiß man manchmal nicht so genau: Ist das jetzt geträumt oder ist das Wirklichkeit? Und bei Kindern und Jugendlichen merkt man manchmal, dass beides schonmal etwas durcheinandergerät, wenn sie zu lange in Sozialen Medien scrollen und so besetzt sind von dem, was sie da sehen und hören.In einem Musical aus den 80er Jahren ist das genau der Titel: "Traum oder Wirklichkeit" – Da ist der Franz von Assisi der Frank, der vor dem Spiegel stehend, mit seiner Egozentrik und Zukunftsplanung beschäftigt ist und plötzlich seine Saufkumpel wiedertrifft, der jetzt von Lepra völlig entstellt ist. Da ist die Freundin, die er eigentlich liebt, die aber deutlich zeigt, dass sie kein Liebchen sein will, die er stolz vorführen kann. Und dann ist die heutige junge Frau mit Kopftuch in der Bahn, die angepöbelt und bespuckt wird und wartet, dass ihr jemand beisteht. Und danach die Viktoria, die ihm, dem Frank heute, einen Brief schreibt in dem sie von ihren Träumen von der Kirche erzählt.Heute Abend wird in unserer Olper Mutterhauskirche die letzte der fünf großen Veranstaltungen zu Ehren des heiligen Franziskus stattfinden. Zusammen mit dem Orchester der St. Franziskusschule werden Oberstufenschüler Texte lesen, die sie selbst mehr ins Heute übersetzt haben, um nochmal deutlich zu machen, dass dieser Franziskus nicht nur damals unerhört Neues gelebt und verkündet hat, sondern uns auch heute deutlich den Spiegel vorhalten kann. Ich bin selbst gespannt, wie sie ihre eigenen Ideen umgesetzt bekommen.Es gibt Phasen in jedem Leben, wo jede und jeder von uns immer mal wieder ein wenig genauer in den Spiegel schauen muss. Nicht um Pickel und Unreinheiten der Haut zu sehen, sondern um sich selbst klar zu machen, wie ich heute denke, glaube, handle. Ob es eine Übereinstimmung gibt zwischen meinen schönen Träumen von Kirche, Glaube und funktionierender Gesellschaft und dem, was ich dafür tue oder erbitte.Eine Definition, die mir gelegentlich ins Gedächtnis kommt und mich herausfordert lautet: Wenn Denken, Reden und Tun übereinstimmen, dann hat der Mensch ein reines Herz.
Manchmal braucht man ein Fest, ein Zusammenkommen Vieler, die auf ähnlichen Wegen unterwegs sind. Ob bei einem Festival von Musikfans, einem Derby im Stadion, einem großen besonderen Konzert in einer Musikhalle, einem runden Geburtstag, einer Hochzeit und Ähnlichem.Und auch wir Ordensleute brauchen manchmal ein Fest mit Vielen. Am letzten Samstag war so ein Fest, der Ordenstag des Erzbistums Paderborn bei uns in Olpe im Mutterhaus. Mehr als 110 Ordensleute, Brüder und Schwestern aus 22 verschiedenen Gemeinschaften haben sich getroffen, um miteinander Gottesdienst zu feiern, einen großartigen Vortrag zu hören, zusammen zu essen, zu plaudern und Erfahrungen auszutauschen. Und dann gab es neun verschiedene Angebote für den Nachmittag: einen Besuch im Kinderhospiz oder in der Erlebnisscheune des Josefshauses, Mutterhausführungen und stille Anbetungszeiten, kreative und thematische Auseinandersetzungen zum Thema: "Aufbrüche ins Leben".Es war für alle die schöne Erfahrung, dass die Mutterhauskirche mal wieder mit vielen Ordensleuten, Schwestern und Brüdern gefüllt war. Für viele war es ein Wiedersehen nach einem oder mehreren Jahren oder auch ein neu Kennenlernen der so vielfältigen Menschen in den Orden und Gemeinschaften unseres Bistums.Und ganz egal, ob die Schwestern und Brüder in Kitas und Schulen, in Krankenhäusern und Altenheimen, in Hospizen und Straßenambulanzen, in den Pfarreien oder Gefängnissen, in der Hostienbäckerei oder im Klosterladen, in der Seelsorge für Obdachlose, in der Notfallseelsorge oder im Pfortendienst, in der Telefonseelsorge oder bei den Tafeln und unendlich vielen weiteren Arbeitsbereichen tätig sind: ihr wichtigster Dienst ist immer die Anbetung und das Lob Gottes und das Fürbittgebet in den Anliegen der Menschen, der Kirche und der Welt. Immer.Und ein kleines Detail ist mir sehr ans Herz gegangen: Alle Olper Schwestern hatten ein gut sichtbares Namensschild an ihrem Habit und es gab die Ansage, dass fremde Ordensleute bei ihnen anfragen können, wenn es um Wege, Räume und Hinweise geht. Und einige dieser Schwestern sind sehr alt, manche gebrechlich, auf den Rollator angewiesen, schwerhörig und schmerzgeplagt. Aber man kann trotzdem jede von ihnen fragen, nach Wegen, Räumen und Hinweisen. Ich bin beeindruckt.
Eigentlich war es nur ein sehr gut besuchter Abend zu Ehren des heiligen Franziskus zu dessen 800. Todestag. Eigentlich begann es mit sehr leiser sphärischer Musik mittels Klangschalen. Eigentlich wurde dann ein Kapuziner vorgestellt, der Theologe und an der Universität Professor ist. Und eigentlich hat er nur einen hochinteressanten Vortrag darüber gehalten, wie man das Leben des heiligen Franziskus, sein Suchen und Fragen, seine Ablösung vom Vater, seine Fragen an die Kirche, seine Probleme mit der eigenen Gemeinschaft und auch mit seinem Gott anhand wissenschaftlich psychologischer Erkenntnisse auch verstehen und analysieren kann. Eigentlich war es sehr sachlich und mit Originalzitaten und Bildern aus dem jahrhundertealten Zyklus von Giotto in Assisi gespickt. Eigentlich.Ein paar Plätze neben mir sehe ich dann eine Frau leise weinen und dabei versuchen es zu verbergen und mit dem Taschentuch Augen und Nase und den Tränenfluss in den Griff zu bekommen. Beim Imbiss nach dem Vortrag sind wir ins Gespräch gekommen und sie hat erzählt, dass es sie so gepackt hat, weil sie das Gefühl hatte, dass genau sie gemeint ist. Genau diese vielfältigen Wege des Franziskus, um zu seiner ureigenen Identität zu finden, hat sie genau so in ihrem Leben erfahren und nie vorher ist ihr so deutlich geworden, dass es Wege und Kurven und Aufs und Abs sind, die jeden Menschen betreffen, der sich ernsthaft um sein authentisches und echtes Leben und Glauben müht. Und auch, dass es nie aufhört, sondern bis ins Alter immer weitergeht mit der Suche nach der eigenen Identität im Leben und im Glauben.Mich hat das sehr berührt, weil es genau das beschreibt, was sicher viele von uns schon erlebt haben. Da höre ich vielleicht im sonst etwas langweiligen Sonntagsgottesdienst eine Stelle aus dem Evangelium, von der ich das Gefühl habe, sie noch nie vorher gehört zu haben. Mein ganzer Mensch, nicht nur mein Verstand, sondern mein Herz und meine Seele spüren plötzlich etwas, was mich betrifft und manchmal mit solcher Wucht, dass mir die Tränen kommen. Manchmal ist es eine Liedzeile in einem Song aus meiner üblichen Playlist, eine Notiz in der täglichen Nachrichtenflut, die Frage eines Menschen, der mit mir im Supermarkt etwas sucht. Und genau dann, wenn wir berührt werden, wenn wir spüren, dass es nicht nur eine belanglose Alltäglichkeit ist, dann genau berührt uns Gott zutiefst.
In der vergangenen Woche durfte ich feiern – eine Goldene Hochzeit. Nicht meine eigene, sondern mit einem befreundeten Ehepaar. Sie haben 50 Jahre Ehejubiläum gefeiert und Goldene Hochzeit nennen wir das. Gold ist dabei mehr als Schmuck, denn Gold steht in unserem Denken für Beständigkeit. Beständigkeit ist dabei heute kein Wert, an den man zuerst denkt. Zu vieles ist im Wandel: Gesellschaft, Arbeit, Lebensentwürfe.Umbrüche gehören zu unserem Alltag. Wie alle Menschen aller Zeiten leben wir in einer Zeit, in der wir die Zukunft nicht kennen. Das macht manche leider mutlos, hoffnungslos, manchmal sogar – und das ist besonders traurig – lebensmüde. Gerade deshalb braucht es auch Beständigkeit.Das war vor 50 Jahren nicht anders. Auch damals gab es Umbrüche, politische Krisen, wirtschaftliche Unsicherheit und zugleich Aufbrüche, neue Chancen und neue Wege. Und mitten in diese Ungewissheit damals – und zum Glück tun es auch heute noch junge Menschen – haben zwei Menschen gesagt: Wir trauen uns, wir bleiben, wir sind beständig füreinander da.Ein Eheversprechen ist ein Zeichen gegen die Angst. Ich will dich lieben, achten und ehren alle Tage meines Lebens. Großer, fast romantischer Enthusiasmus spricht aus diesen Worten. Und ja, ein gemeinsamer Weg braucht diesen Enthusiasmus, aber er braucht vor allem die Beständigkeit, die aus dem Enthusiasmus erwächst. Liebe verändert sich. Liebe verändert dich. Aber sie bringt eben die Veränderung hervor, die wir brauchen. In 50 Jahren wird aus dem Anfang ein Fundament. Aus der Nähe wird Heimat. Aus zwei Leben vielleicht ein gemeinsames Haus mit Enkeln, Kindern, Erinnerungen, Reisen, Arbeit, Sorgen und vor allem und hoffentlich vielen Glücksmomenten. Einen Menschen zu finden, der einen liebt, ist ein Geschenk. Aus dieser Liebe ein Leben zu bauen, das ist Arbeit, gute, schwere, aber auch lohnende Arbeit. Wie beim Gold. Es entsteht nicht nebenbei. Es braucht Geduld, Ausdauer und Vertrauen, Gold zu schürfen, zu veredeln und zu gestalten.Heute stehen Menschen nach 50 Jahren Ehen da und sagen Danke. Danke für die gemeinsamen Wege. Danke für überstandene Belastungen. Danke für Neuanfänge. Und vor allem auch eins: Danke für Gottes Segen. Dankbarkeit hält Gottes Liebe lebendig. Sie nährt sie.Und so liegen diese alten Worte noch einmal heute auf der Goldwaage: Ich will dich lieben, achten und ehren alle Tage meines Lebens. Diese Worte sind mehr wert als jeder Ring, weil sie gehalten wurden und weil sie beständig geblieben sind, genauso wie das Gold, aus dem sie geschmiedet sind.Und so danken wir mit den Menschen, die beständig beieinanderbleiben können, weil sie versuchen, Gottes Segen für ihr Leben zu übersetzen und in die Beständigkeit zu führen. Und wir bitten um all den Segen, den die Menschen brauchen, die nicht gerade unter diesem Segen stehen.