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es regnet
es regnet
Author: Markus Pfeifer
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© 2019 spaeter, truebe
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Ich lese Texte vor. Meist aus meinem Blog. Ab und spiele ich etwas dazu. Anleitung: dieser Podcast ist ein literarisches Weberzeugnis. Oder wie jemand mal gesagt hat: “Das ist ein semi-literarisches Tagebuch.” Kann ich auch mit leben. Weniger mag ich Leute, die sagen: “Mensch, kannst du nicht mal ein bisschen witzig sein?”. Doch das sagt ja niemand. Und sonstso mache ich derzeit mehr Langprosa. Ab und zu lese ich meine Sachen dem Publikum vor. Hin und wieder werde ich für einen Literaturpreis nominiert. Ich gewinne aber nie etwas. Und sonst so: Ich arbeite in einer Internetfirma. Dort leite ich ein gutes Dutzend Expertinnen, die ziemlich coole Sachen mit Computern machen. Kurzbio: * 1975 in den Dolomiten. Aufgewachsen ebenda. Immer gut zu Kühen gewesen. Punkrock, Milano, Zürich, Wien. Lange Jahre in den Niederlanden gelebt, Brecheisen gestemmt. Später Madrid. Dann in Hamburg Deutscher geworden. Jetzt in Berlin. So ist das.
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Um 9:45 Uhr fuhr mein Zug von Meran nach Berlin.
Apropos Fliegen vs. Bahnfahren. Ich würde wirklich lieber mit der Bahn nach Südtirol fahren. Zum einen entspannen mich Fahrten im Zug. Fernzüge und ich – wir sind in kosmischen Schwingungen eingegroovt. Ich kann dabei gut schreiben oder überhaupt: gut denken. Außerdem geben mir lange Bahnfahrten dieses gute Gefühl, die Umwelt nicht ganz so sehr zu verdrecken. Bisher war es oft so, dass ich eine der beiden Strecken mit dem Flieger absolviert habe und die andere Strecke mit der Bahn. Auch wenn ich, seit ich die Hündin habe, oft mit dem Auto fuhr. Das Auto werde ich aber nur noch ausnahmsweise nehmen. Wenn möglich, lasse ich die Hündin in Berlin. Autofahrten finde ich für die Strecke nach Süden außerordentlich anstrengend.
Abgesehen vom Umweltschutz gibt es aber kaum rationale Gründe, die Strecke mit der Bahn zu fahren. Der Flug kostet etwa 180€, die Bahnfahrt zwischen 160€ und 200€. Das könnte man fast schon als skandalös bezeichnen. Hinzu kommt die Zeit. Mit der Bahn bin ich 11 Stunden unterwegs und verliere eigentlich einen ganzen Tag Lebenszeit. Wenn man in Urlaubstagen rechnet, verliert man einen Urlaubstag. Bei Hin- und Rückreise verliert man eben ganze zwei Tage. Besucht man zweimal im Jahr die Eltern, sind das 4 Urlaubstage. Mit dem Flieger hat man nicht das Gefühl, Urlaubstage zu verbrennen, sondern eher Stunden, weil man immer noch einen halben Tag übrig hat und ich das gedanklich nicht als verschwendeten Reisetag wegstecke.
Dabei könnten Züge die Strecke wesentlich schneller überbrücken. Zwischen München und Berlin wurden ja einmal 4 Stunden angedacht. Dass die spanische Bahn die selbe Entfernung (Madrid -> Barcelona) in 2,5h schafft, erwähne ich jetzt nur in einem Nebensatz. Die DB-Fahrt dauert aber schon seit Jahren, auch mit den Sprintern, keine 4, sondern 4,5 bis 5 Stunden. Immerhin besser als die 6,5 Stunden, die es noch vor zehn Jahren dauerte. Aber auch nur geringfügig besser. Zudem kommt es auf der Strecke eigentlich immer zu Verspätungen. Mindestens 20 Minuten.
Hinzu kommt die Gurkenverbindung über den Brenner, bei der sich die Reisezeit vielleicht ja durch den Brennerbasistunnel im Jahr 2599 um voraussichtliche 60 bis 75 Minuten verkürzt. Also nicht mehr vier Stunden, sondern knappe drei.
Mit Umsteigezeit in München dauert die Fahrt momentan etwa 10 bis 11 Stunden. Die spanische Bahn bräuchte für diese gesamte Strecke etwa 4. Okay, da ist kein Brennerpass dazwischen und auch keine größeren Städte und man muss auch nicht umsteigen. Den Vergleich möchte ich aber dennoch ziehen. Würde die Fahrt auch nur 5 Stunden dauern, würde ich sicherlich nicht den Flieger nehmen. Man verbringt ja schon am Flughafen 2 Stunden mit Warten. Mit An- und Abfahrt kommt man da auch auf fünf. Aber 11 Stunden in der Bahn sitzen, ist halt ein ganzer, anstrengender Tag.
Heute verspätete sich dann der Zug aus Verona und ich verpasste den Anschluss in München, dann löst sich die Sitzplatzreservierung im Datennirvana auf, ich musste länger auf den nächsten ICE warten, der dann natürlich überfüllt ist, und meine Sitzplatzreservierung ist natürlich nicht wiederzubeleben.
Die Bahnchefin ist Südtirolerin. Es würde mich interessieren, wie ihre kosmische Verbindung mit Fernzügen aussieht.
Nachts um 2 fuhr mein Vater los, nach Tansania. Ich bekam davon aber nichts mit.
Am Morgen vor dem Frühstück nahm der Streit mit meiner kleinen Schwester noch einmal richtig Fahrt auf. Nachdem ich etwa zwei Stunden lang beleidigt wurde (mit Pausen allerdings), kündete ich der großen Schwester an, dass ich nun bereit sei, nach Meran zu fahren, und setzte mich in ihr Auto. Es dauerte noch eine Weile, bis wir losfahren konnten, aber ich hatte im Auto eine schöne Aussicht. In den Bergen hat man ja meistens eine schöne Aussicht.
Dann fuhren die große Schwester und ich nach Meran. Dort trafen wir ihre Kinder, ihren Mann und meine Mutter und wir fuhren zu einem Restaurant an einem steilen Hang, weit oben über Meran. Nach dem Essen brachte ich meine Sachen zu meiner Mutter. Dort plauderten wir noch eine Weile. Am Abend war sie eigentlich zu ihrem wöchentlichen Tanzen verabredet, ihr Tanzpartner kränkelte allerdings, weswegen sie zu Hause blieb. Ich war jedoch schon mit einer alten Schulfreundin verabredet. Mit Schulfreundin meine ich wirklich eine Schulfreundin. Wir saßen die ersten fünf Schuljahre in derselben Klasse. Sie war lange Zeit Bibliothekarin und las auch meine Novelle. Deswegen sorgte sie dafür, dass das Buch jetzt in der Meraner Bibliothek und im Südtiroler Landesarchiv aufliegt. Deswegen gingen die Drinks auf mich. Sie weigerte sich aber, sich von mir die Getränke bezahlen zu lassen, und so teilten wir uns die Rechnung.
Wir saßen in der Rossini-Bar an der Freiheitsstraße und erzählten uns aus unseren Leben. In ihrem Leben ging sie durch beeindruckende Tiefen. Wir redeten auch über Menschen von früher, über Schulkameradinnen, und über den Tod von Heike, die damals als Siebzehnjährige an ihrem Geburtstag bei einem Autounfall starb. Der Unfall erschütterte damals das ganze Dorf. Sie erzählte mir von ihrem Freund, der damals am Steuer saß. Wie Heikes Mutter ihm kein einziges Mal Schuld hatte zukommen lassen, sondern ihn vehement in der Öffentlichkeit verteidigte, während alle, wie halt immer, nach einem Schuldigen suchten.
Es wurde noch nicht allzu spät, aber auf dem Nachhauseweg schickte ich meiner Schwester vorsorglich eine Sprachnachricht, dass ich morgen nicht unbedingt nach Corvara fahren müsse. Ich hatte schon alles von meiner Schulfreundin erfahren und es sei vielleicht etwas stressig, die Fahrt nach Corvara dauerte ja fast zwei Stunden und am Dienstag führe ich ja wieder zurück nach Berlin. Meinetwegen können wir auch einfach in Meran bleiben. So ging ich ins Bett und am nächsten Tag wurde ich vom Telefon geweckt. Meine Schwester stünde startbereit, meine Mutter und ich sollten uns fertig machen, dann ginge es los, das Wetter sei viel zu schön, um einfach in der Stadt zu bleiben.
Eine halbe Stunde später fuhren wir also auf der Mebo von Meran nach Bozen und dann weiter durch das Grödental über das Joch am Sellastock nach Alta Badia. Meine große Schwester und ich sind dort aufgewachsen. Die ersten 14 Jahre unseres Lebens. Wir parkten das Auto unterhalb des Hauses, in dem wir wohnten, stiegen aus und liefen die früheren Pfade ab. Das kleine Wäldchen, in dem wir uns ständig aufhielten, zum Lebensmittelladen, der heute ein Sportgeschäft ist, die Straße runter, an den Cafés vorbei. In die Kirche, in der mir der kleinen, vergessenen Teufel wiedersah, an den ich die letzten vierzig Jahre nicht mehr gedacht habe. Den großen Parkplatz, auf dem ich Fahrradfahren lernte, gibt es heute nicht mehr in der Form. Der Parkplatz ist jetzt kleiner und auf einen Teil weiter südlich beschränkt und der andere Teil ist heute eine Bühne, sicherlich für kleine Events, die vornehmlich auf Touristen ausgelegt sind. Blechbläser wahrscheinlich, oder kleine Kammerspiele. Der ganze Ort ist mittlerweile völlig touristifiziert und außerhalb der Saison auch ausgestorben. Meine Schulfreundin warnte mich bereits davor. Ich dürfe nicht enttäuscht sein, wie ausgestorben es im Oktober sei. Sie erzählte auch, dass in den beiden Saisons (also im Sommer und im Winter), sonntagmorgens keine Gottesdienste mehr stattfänden, weil sich sonntags keine Chorsängerinnen mehr finden ließen, die stattdessen in den Hotels die Besucherströme abfertigen mussten. Schließlich sind die Sonntagmorgende immer jene Tage, an denen Besucherinnen ab- oder anreisen.
Wenn der katholische Gottesdienst am Sonntagmorgen wegen Geldgier ausfällt, dann befinden wir uns wirklich am Abgrund. Das leuchtet sogar mir als Atheisten ein.
Wir hatten dennoch einen wunderschönen Tag, in dem wir uns in Erinnerungen schwelgten. Etwas schockiert war ich darüber, dass es den Ort, an dem ich meine erste Zigarette rauchte, nicht mehr gab. Früher war das eine Art Verkehrsinsel, mit drei Bänken, auf der man sitzen konnte. Eine Art Mini-Park. Dort, wo ich meine erste Zigarette rauchte, liegt heute Asphalt und die Autos biegen dort links ab, auf den Weg zum Joch.
Weil wir nur diese paar Stunden hatten, beschlossen wir auch, niemanden von früher zu besuchen. Lediglich Paolina, unsere langjährige Nachbarin. Von der ich immer dachte, sie sei vielleicht fünf Jahre älter als ich. Heute fand ich dann heraus, dass sie fast fünfundsechzig ist. Sie sieht aber immer noch nur fünf Jahre älter aus. Eigentlich sind nur ihre Haare grau geworden, ansonsten ist bei ihr alles gleich geblieben. Sie war einmal in Berlin. Damals stand noch die Mauer. Sie nannte Berlin die schönste Stadt, die sie jemals gesehen hat. Über die Schönheit Berlins gibt es sicherlich sehr unterschiedliche Meinungen. Sogar ich, als mehr oder weniger überzeugter Berliner, finde die Stadt größtenteils unfassbar hässlich. Ich wollte ihr aber nicht widersprechen und lud sie ein. Ich würde ihr sehr gerne die Stadt zeigen.
Es wurde dann sehr schnell, sehr spät und dann machten wir uns auf den langen Weg zurück nach Meran. Auf dem Grödner Joch fotografierten wir noch die Abendsonne an den Felsen am Pisciadu. Irgendwelche Influencer hatten Kameras für ihr Social Media aufgestellt. Überhaupt Influencer. Alle beschweren sich über Influencer. Dass die Tourismusbehörden die Bewohnerinnen und Hotelbesitzerinnen dazu auffordern, die Influencer zu hofieren und ihnen kostenlose Unterkünfte bereitzustellen. Aber niemand will das mehr. Außerdem kommen die Gäste auch so. Für die, die die Gäste wollen, und für die, die die nicht mehr so wollen.
Am Vormittag stieg ich dann in einer dieser kleinen Propellermaschinen der SkyAlps auf dem Weg nach Bozen. Weil diese Maschinen nur auf etwa 6 Kilometer Höhe über das Land fliegen, hat man ein ganz anderes Fluggefühl als mit den Jets, die ja in doppelter Höhe unterwegs sind. Wenn man aus dem Fenster schaut, hat man fast schon ein Googlemaps-Gefühl und ich will ständig einzoomen.
Am Flughafen in Bozen holte mich meine größere Schwester mit ihrem Camper ab. Dann fuhren wir in die Innenstadt, machten einen kleinen Spaziergang über den Waltherplatz, Museumstraße, Lauben und über den Bahnhof wieder zurück zum Waltherplatz. Dort aßen wir etwas, ich bestellte ein Trüffelrisotto und meine Schwester eine Carbonara, auf die sie sich ein paar Trüffelhobel schaben ließ. Ihr Gericht schmeckte wesentlich besser als meines, aber das geht mir oft so, dass ich etwas Falsches bestelle. Das hat sicherlich psychologische Gründe.
Es war schön, sie zu sehen. Wir hatten viel zu bereden. Wir liefen dann noch hinunter zur Romstraße zu einer Künstlerin in ihr Atelier, weil sie für meine Schwester eine Kette repariert hatte. Danach fuhren wir den Berg hinauf ins Dorf meines Vaters. Meine kleine Schwester wohnt zurzeit auch bei ihm. Es war schön, sie alle zu sehen. Mein Vater und die kleine Schwester waren im September für 4 Wochen auf einem Ayurveda-Retreat irgendwo im Süden von Indien und seitdem postet mein Vater ständig indisches Essen in seinen WhatsApp-Status. Er sagte, er habe einen ordentlichen Braten schon vermisst, aber er ist neugierig genug, Dinge auszuprobieren. Meine Schwester und er folgen jetzt irgendeinem ayurvedischen Ernährungsplan.
Er wird übermorgen nach Tansania fliegen, um ein Kinderprojekt zu unterstützen. Deswegen fuhr ich auch als Erstes zu ihm. Morgen werde ich dann weiter nach Meran zu meiner Mutter.
Am Abend saßen wir noch lange zusammen und spielten Karten. Wir spielten Watten. Eigentlich müsste ich Watten können, weil hier alle immer Watten spielen. Ich kann aber nur Schnellen, was gemeinhin als unterkomplexer gilt. Dafür habe ich damals vor zwanzig Jahren meinem ganzen Freundeskreis in Hamburg das Schnellen beigebracht. Sie erhielten von mir sogar originale, sogenannte Salzburger Kartendecks. Watten ist komplizierter und ich konnt mir schlichtweg nie die Regeln merken. Nach ein paar Runden, begann ich heute allerdings, ein Gefühl für das Spiel zu bekommen. Als plötzlich jedoch meine kleine Schwester schlafen gehen wollte, während wir drei anderen erst so richtig Fahrt aufnahmen.
Zum Watten muss man zu viert sein. Also brachte ich meinem Vater und der größeren Schwester (wieder) das Schnellen bei. Schnellen ist viel schneller und ja, ich verstehe jetzt, warum es als unterkomplexer wahrgenommen wird, aber Schnellen spielt sich schön schnell weg, früher im Wirtshaus immer mit billigem Rotwein und viel Zigarettenrauch. Zack, zack, Stich um Stich, Punkte rauf und Punkte runter. Wir hatten heute keinen Alkohol und man raucht auch nicht mehr in Innenräumen. Ich kann mich aber an früher erinnern, als mein Vater und die anderen Rettungsfahrer in der sogenannten Stelle, also der Rettungsstation, tagelang und nächtelang Karten spielten. Wir wohnten im selben Haus wie die Stelle mit der Ambulanzengarage, das war ein weitläufiger Bau aus den Siebzigern. Manchmal wurde ich telefonisch nach unten gerufen. Dann sollte ich ins Gasthaus laufen, um Zigaretten zu kaufen. Wenn die Männer Karten spielten, qualmte die Stelle von dichtem Zigarettennebel über. Aber Alkohol war da nie im Spiel. Das kann ich bezeugen. Auch wenn man das den frühen Achtzigerjahren durchaus zutrauen hätte können.
Jedenfalls. Wo wollte ich hin. Wir spielten Schnellen und ich verlor. Mein Vater gewann. Als wir ins Bett gingen, nahmen wir uns vor, zum Frühstück weiterzuspielen.
Am nächsten Tag beim Frühstück spielten wir aber nicht, sondern schnappten uns die E-Bikes und fuhren auf die Almen. Zuerst nach Laab, dann weiter zur Neuhütte, dann runter Petersberger irgendwas-Alm und Weißenstein. Es war bereits ein bisschen kühl. Mit meiner neuen Funktionsjacke hielt ich den Wind einigermaßen aus, aber wir froren alle an den Händen. Das ist das Problem mit den E‑Bikes: Man kommt nicht wirklich auf Temperatur, vom Gefühl her erinnert es mich eher an Tretbootfahren. Man tritt ein bisschen entspannt vor sich hin und schaut sich die Gegend an.
Auf der Rückfahrt, unten in irgendeiner Schlucht, fuhren wir an einer etwas abgelegenen Ruine vorbei. Ich hielt an und näherte mich dem Gebäude. Es muss mal eine Mühle oder ein Sägewerk gewesen sein. Mein Vater erinnert sich noch an ein Sägewerk, das sich 100 Meter bachabwärts befand. Diese wurde in seiner Jugend abgerissen, als Sägewerke zunehmend elektrifiziert wurden. Das verfallene Haus musste wohl irgendwie dazugehört haben. Aber es muss wesentlich länger leer gestanden haben. Sicherlich 100 Jahre. Vom Haus standen nur noch die Grundmauern. Im Inneren wuchsen bereits dicke Fichten. Es war aber nachvollziehbar, dass da eine Mühle oder eine Säge stand. Dort kreuzten sich zwei Bäche, die mit ordentlicher Steigung von beiden Seiten vom Berg herunterflossen. Geostrategische Lage.
Zurück im Dorf brachte ich das Fahrrad zum Flex-Pub zurück, wo wir mein E-Bike ausgeliehen hatten. Danach lief ich zu Fuß zum Haus meines Vaters hinauf. Man läuft hier ständig hinauf oder hinunter. Auf der Dorfstraße begegnete ich Onkel Konrad, der nicht mehr so gut zu Fuß ist und jetzt ein elektrisches Gefährt besitzt, auf dem er in Schrittgeschwindigkeit durch das Dorf fahren kann. Er saß rechts am Straßenrand auf seinem Vehikel und hantierte mit einer Zange an der Lenkstange. Er erzählte mir, dass er mit dem Ding Schrittgeschwindigkeit fahren kann und vorne sowie hinten, große Taschen aufhängen kann. Und er spare sich 600€ pro Jahr an Kosten. Mit dem Auto sei er ja nur noch ins Geschäft und zur Tankstelle gefahren. Dafür braucht er kein Auto.
Eigentlich wollte ich ja zu meiner Mutter nach Meran fahren, aber wir beschlossen, hier oben auf dem Berg zu bleiben, wo wir uns beim Gasthaus Adler vier Pizze besorgten. Beim Warten gerieten meine kleine Schwester und ich in einen ziemlich emotionalen Streit, der mich sehr überraschte. Wir sprachen uns nicht wirklich aus. Als wir aber die vier Pizze überreicht bekamen, waren wir wieder friedlich und brachten das Essen ohne Konflikt nach Hause.
Danach wurde ich müde.
Wie immer am letzten Tag vor dem Urlaub stapelt sich plötzlich alles auf dem Schreibtisch. Abends musste ich noch packen, aber heute kam auch noch die Zalando-Bestellung an. Ein 900‑€-Einkauf, weil ich mich auf den Winter freue und ich das Bedürfnis habe, mich mit schönen, warmen Jacken einzudecken. Von den Winterjacken werde ich aber alle zurückschicken. Dafür behalte ich ein seltsames Kunstlederblouson, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob ich aussehe, als ginge ich in den Fetischclub (huch, schonwieder) oder ob ich einer Latinogang in einem Gewerbegebiet in South LA angehöre. Außerdem werde ich auch eine Funktionsjacke behalten. Ich hätte nie gedacht, dass ich Funktionsjacken tragen werde. Wann fing das eigentlich an, dass ich Funktionsjacken immerhin in Erwägung zog? Vielleicht fing das mit den Regenjacken an. Dieses schöne Gefühl, im Regen nicht immer nass zu werden. Zumindest in starkem Regen. An Funktionsjacken denke ich vielleicht, seit mir im Stadion mit einem normalen Blouson zu kalt war und mein Vordermann einen sogenannten Windbreaker trug. Das sei sein Geheimnis bei einem kühlen Lüftchen im Olympiastadion, verriet er mir. Natürlich schlaute ich mich danach auf und ich stellte fest, dass viele kühle Momente in meinem Leben mit einem zu kühlen Lüftchen zusammenhingen. Es lag offenbar weniger an der Temperatur, sondern am Windchill-Effekt. Seitdem will ich einen Windbreaker haben. Janun, den habe ich jetzt.
Er (der Windbreaker) sieht gar nicht so aus, wie eine Funktionsjacke, eher wie ein etwas steifer Blouson mit Kapuze. Überhaupt. Blouson, Blouson, Blouson. Seit wann spielen Blousons solch eine wichtige Rolle in meinem Leben. Der Herbst geht bald zur Neige, dann ist die Blousonzeit auch wieder vorbei. Im Herbst gibt es immer diese längeren Blousonperioden. Im Frühjahr gibt es die nicht, im Frühjahr ist es immer zu kalt oder zu warm für Blousons. Ich bin ja ein Dünne-Jäckchen-Typ, wie ich neulich schrieb, ich könnte immer ein dünnes Jäckchen tragen. Ein dünnes Jäckchen und leicht einen sitzen.
In Südtirol hat es heute auch angefangen zu regnen. Meine Schwester warnte mich vor. Südtirolerinnen und ihre Angst vor schlechtem Wetter. Meine Schwester und ich werden viel Zeit miteinander verbringen. Sie hat sich für die paar Tage extra freigenommen. Wir werden zuerst zu meinem Vater fahren, dann dort übernachten. Am nächsten Tag nehmen wir uns die E‑Bikes und fahren mit ihm auf die Alm. Dafür habe ich jetzt ein Funktionsblouson. Am Montag fahren wir in das kleine Dolomitendorf, in dem wir beide aufgewachsen sind. Darauf freue ich mich schon sehr. Ich war schon ewig nicht mehr da. Sicherlich zehn Jahre. Oder mehr. Als erwachsene Menschen waren wir zusammen überhaupt nie mehr da. Das wird ein wilder Ritt down memory lane.
Apropos Digital Independence. Jetzt ist auch mein Jollaphone gekommen. Ein googlefreies Telefon aus Finnland. Letztes Jahr im Herbst beteiligte ich mich am Crowdfunding für den Bau dieses Gerätes. Der minimale Finanzierungsbetrag wurde ziemlich schnell erreicht und danach auch ganz schnell bei weitem übertroffen. Hinter der Firma Jolla aus dem finnischen Tampere befinden sich ehemalige Mitarbeiter von Nokia, die die Arbeit am damals entwickelten Betriebssystem nicht aufgeben wollten. Nach mehrmaligen Firmengründungen, einem Telefon-Release, Insolvenzen und Neuversuchen, entledigten sie sich 2024 von russischen Investoren und haben jetzt mit sehr wenig Geld dieses Projekt Jollaphone gestartet. Ich liebe solche Projekte.
Mir fehlt gerade die Zeit für eine ausgiebige Zusammenfassung, aber bei diesem Telefon wird es so richtig spürbar, wie sehr wir bereits in den Ökosystemen von Google oder Apple gefangen sind. Kein Banking funktioniert, kein Android Auto/Carplay, keine Zahlungen mit dem Telefon an der Supermarktkasse. Manche Apps lassen sich nicht installieren. Manche Apps können installiert werden, sie fordern aber die Eingabe von Kreditkartendaten, für die Verifikation. Ich könnte jetzt den Google Playstore nachladen, um mir einige Kleinigkeiten zu erleichtern, aber ich nahm mir mit diesem Telefon vor, Google und Meta komplett außen vor zu lassen. Whatsapp und Insta verwende ich nur noch sandboxed im Browser auf dem Laptop. Auf dem Telefon brauche ich das in Wirklichkeit gar nicht mehr. Wenn Insta läuft, schaue ich ständig drauf, wenn ich es nicht habe, schaue ich nicht drauf. So einfach funktioniert das bei mir.
In der Theorie wusste ich das alles vorher schon, es ist aber etwas anderes, die Limitierung direkt zu spüren. Nach zwei Abenden habe ich das Telefon immer noch nicht so weit zurechtgebastelt, dass ich ohne das alte Android-Telefon aus dem Haus gehen will. Das ist ziemlich ernüchternd.
Zu allem Überfluss verkaufen alle großen KI-Anbieter jetzt auch noch unsere Daten und sogar Chatverläufe an Dritte weiter. Es wird nicht besser. Und es ist ihnen egal. Weil sie wissen, dass die Regierung eine schützende Hand über sie hält, und die Kunden sich nicht abwenden werden.
Es ist ihnen egal. Und es ist den Nutzern irgendwie auch egal.
Ich komme mir schon fast vor wie ein paranoider Verschwörungstheoretiker.



