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Author: Schweizer Radio und Fernsehen (SRF)

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«International» befasst sich wöchentlich mit internationaler Politik und Gesellschaft. Seit 1978 am Radio und von Anbeginn auch online.

Reportagen, Analysen und Geschichten zur internationalen Aktualität, meist erzählt von Auslandskorrespondenten und -korrespondentinnen von Radio SRF.
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Nach dem Ende der Apartheid hoffte die Schwarze Bevölkerung Südafrikas auf ein besseres Leben. Doch nach 30 Jahren Dauerherrschaft der einstigen Freiheitsbewegung ANC stehen gerade die, die von der ANC-Politik mit profitiert haben, vor der Frage, was zählt mehr: Die Vergangenheit oder die Gegenwart? Es war 1994, als Südafrika die Wahl von Nelson Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes bejubelte. Seither bestimmt dessen ANC, der African National Congress, die Politik des Landes. Er schaffte die diskriminierenden Gesetze ab, die die schwarze Bevölkerungsmehrheit während Jahrzehnten zu Menschen zweiter Klasse degradiert hatten. Schwarze Südafrikanerinnen und Südafrikaner wurden gezielt gefördert, etwa in der Wirtschaft oder beim Staat. Historische Ungerechtigkeiten sollten überwunden werden. Seither ist jener Teil der Gesellschaft gewachsen, der sich aus der Armut hat befreien können: Die Schwarze Mittelschicht. Es sind Menschen wie Selina, Thapama und Pearl aus Soweto – südwestlich von Johannesburg - einst eine Hochburg des Widerstands gegen das weisse Apartheid-Regime. Alle drei sind vorangekommen im Leben. Und hadern doch mit dem Zustand ihres Landes. Korruption auf allen politischen Ebenen, hohe Kriminalität, grosse Arbeitslosigkeit - es läuft heute vieles schief in Südafrika. Der Alltag mit wiederkehrenden Ausfällen von Strom und Wasser ist bisweilen eine Zumutung. Und manchmal auch eine existenzielle Gefahr. Jetzt steht das Land erneut vor einer richtungsweisenden Wahl. Bei den Parlamentswahlen vom 29. Mai könnte der ANC um ersten Mal seit 30 Jahren auf nationaler Ebene seine absolute Mehrheit verlieren. Und gerade Menschen wie Pearl, Thapama, Selina und viele aus dem Schwarzen Mittelstand, müssen sich fragen: Was zählt mehr: Die Vergangenheit? Oder die Gegenwart?
Es war ein Meilenstein für Europa, als sich vor zwanzig Jahren gleich mehrere ehemals kommunistische Länder der EU anschlossen. Doch inzwischen ist der Glanz des grossen europäischen Projekts da und dort verblasst. Zwanzig Jahre Osterweiterung: die Vermählung der Ungleichen und ihre Nachwirkungen. Am Anfang standen grosse Erwartungen. Die Europäische Union wuchs 2004 auf einen Schlag von 15 auf 25 Länder. Die meisten Neumitglieder kamen aus dem Osten. Die Menschen dort versprachen sich von der neuen Epoche Wohlstand und Stabilität. Und freuten sich auf die neuen Freiheiten. Viele versuchten ihr Glück in den westlichen Ländern. Nicht wenige sind inzwischen in den Osten zurückgekehrt. Vier von ihnen erzählen hier ihre Geschichte: Von der engagierten tschechischen Professorin, die 2004 zuvorderst im EU-Abstimmungskampf stand, bis zum desillusionierten polnischen Kranführer, der den übertriebenen Einfluss der EU kritisiert. Die Rückkehrerinnen und Rückkehrer erzählen mit ihren persönlichen Geschichten auch einen Teil der Geschichte der EU und ihrer Erweiterung. Eine Geschichte, die noch immer mäandriert zwischen Hoffnung und Enttäuschung, zwischen Aufbruch und Stagnation.
1989 waren sie klein, doch auch ihre Welt war ins Wanken geraten. Manche haben gelitten unter der rechten Gewalt der 90-er Jahre, andere genossen die Freiheit des rechtsfreien Raums. Heute teilen sie die Lust, ihre ostdeutsche Heimat zu gestalten und dem verbreiteten Frust etwas entgegenzusetzen. «Die meisten von uns waren so drauf: Wir machen es einfach selbst» sagt Patrick Hinz. «Das Coole war, dass es hier den Raum dafür gibt». Hinz leitet in Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern eine Lokalzeitung. Dort deckt er mutig rechte Strukturen auf. Die Zeitung will zugleich zivilgesellschaftliche Initiativen unterstützen, denn «es gibt so viele, so gute Leute hier». Nadine Förster ist wie er in den 80-er Jahren in der DDR geboren und in der chaotischen Umbruchszeit gross geworden. Das selbsternannte «Inselkind» von Rügen tat, was ihre Eltern nicht durften: Sie bereiste die Welt und erkannte, wie einmalig ihre Heimat an der Ostsee ist. Jetzt kämpft sie als Lokalpolitikerin gegen den Ausverkauf ihres Dorfs. Auch Anna Stiede führt einen Kampf – es ist oft einer gegen das eigene Trauma der Vergangenheit. Ihre Jugend in den 90-er Jahren in Thüringen war umgeben von grauer Tristesse, Arbeitslosigkeit und rechter Gewalt. «Ich weiss selber, dass ich einen Schaden davongetragen habe». Sie verarbeitet den Wendeschmerz in Kunstprojekten. Janine Herntier schliesslich haute ab aus der düsteren brandenburgischen Provinz. Doch das Herz war stärker – jetzt ist sie mit ihrer Familie zurück.
Die Renaissance Detroits

Die Renaissance Detroits

2024-05-0327:093

Detroit. Der Name galt lange als das Synonym des Niedergangs. Doch seit einiger Zeit geht es aufwärts. Mittlerweile gilt Detroit als eine der aufregendsten Städte der USA. Möglich wurde dies dank dem besonderen Charakter seiner Einwohner und Einwohnerinnen. 2013 lag die Stadt am Boden: Nach einem jahrelangen Niedergang war Detroit Bankrott und wurde unter die Verwaltung des Bundesstaates Michigan gestellt. Fabrikschliessungen hatten aus der einst blühenden Autostadt ein Symbol für Verwahrlosung und Kriminalität gemacht. Nun soll ausgerechnet die Firma Ford Teil der Wiederauferstehung sein. Galt der Autobauer wegen des Wegzugs eines Grossteils der Produktionsstätten lange als mitverantwortlich für die Krise, investiert Ford nun wieder in grossem Stil in die Stadt. Detroit soll zu einem weltweiten Zentrum der Innovation werden. Kaum ein Gebäude illustriert diesen Wandel besser als der stillgelegte Bahnhof. Bis vor kurzem noch leer und verwahrlost, soll der ikonische Bau im Juni mit einer neuen Nutzung neueröffnet werden. Private Investoren aber auch die Politik erhoffen sich viel vom Projekt. Der Wandel, der im Zentrum der Stadt bereits sichtbar ist, soll nun endlich auch die ärmeren Aussenquartiere erreichen. Damit dies überhaupt möglich war, liegt an den Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt. Aller Widrigkeiten zum Trotz gaben sie ihre Stadt nie auf und fanden stetig neue Wege, um weiterzumachen. Dieser Geist ist überall in der Stadt zu spüren: Nachbarschaften schliessen sich zu urbanen Landwirtschaftsprojekten zusammen, Menschen ziehen hierher, um Start-Ups zu gründen. Doch es bleibt die Frage: Profitieren am Ende wirklich alle Bewohnerinnen und Bewohner Detroits von diesem Wandel.
Im Hinduismus gelten Kühe als heilig. Unter Indiens hindu-nationalistischem Premier Narendra Modi ist der Schutz der Kühe Teil der politischen Agenda geworden. Das schürt Hass gegen religiöse Minderheiten wie Muslime, die von nationalistischen Gruppen als Kuh-Schmuggler verfolgt werden. Der Bauer Samiuddin erinnert sich noch genau an den Tag im Juni vor sechs Jahren. Er sei auf dem Feld gewesen. Auf einmal sah er den Ziegenhändler Qasim übers Feld rennen, verfolgt von einer Gruppe von 25 Männern. Diese schlugen erst Qasim und dann ihn. Zur Begründung hätten sie gesagt: «Du und Qasim, ihr habt eine Kuh geschlachtet.» Qasim starb, Samiuddin überlebte schwer verletzt. Sie hätten keine Kuh geschlachtet, sagt er. Es sei nur ein Gerücht gewesen. Der Lynch-Anschlag, der kein Einzelfall ist, hat das Leben des Bauern und seines Umfelds für immer verändert. Früher hätten die muslimische und die hinduistische Bevölkerung in seiner Region in Frieden gelebt. Jetzt nicht mehr. «Unter dem Vorwand, Kühe schützen zu wollen, schüren die Politiker Hass gegen uns Muslime», sagt der 66-Jährige. Rund 80 Prozent der 1,4 Milliarden Inderinnen und Inder sind Hindus. Seit seinem Amtsantritt verfolgt Premier Modi das Ziel, Indien auch politisch nach den Vorstellungen des Hinduismus auszurichten, obwohl die Verfassung säkular ist. Um alle Hindus hinter sich zu vereinen, schafft Modi einen gemeinsamen Feind: die muslimische Minderheit. Exemplarisch dafür ist sein Kampf um die heiligen Kühe.
Mit der Sommerhitze kommen die Waldbrände, die Klimakrise macht sie intensiver, die Feuerwehr bringt die Flammen oft kaum unter Kontrolle, riesige Waldflächen gehen verloren. Doch Griechenland will lernen aus früheren Desastern und sich besser wappnen, auch mit europäischer Hilfe. «Der Wald war unser Lebenselixier, er hat uns Arbeit gegeben. Hier im Dorf hast du eingeatmet und es hat nach Pinie geduftet»., sagt Dimitris Afendras im Örtchen Pappades auf der griechischen Insel Euböa. Davon ist nichts mehr übrig. Wo einst die Pinien dicht an dicht standen, ragen nur noch verkohlte Baumreste in den Himmel. Ein Grossfeuer im Sommer 2021 zerstörte einen grossen Teil des Pinienwalds im Norden von Euböa. «Die Wucht des Feuers war unglaublich. Wir sahen die Flammen und innert einer halben Stunde war das Dorf vom Feuer bereits umzingelt», sagt Giorgos Antoniou, der Dorfvorsteher. Schon immer war Griechenland mit seinen heissen, trockenen Sommermonaten ein Land der Waldbrände. Doch die Feuer werden grösser, die Konsequenzen gravierender. Das hat auch mit dem Klimawandel zu tun, sagen die Fachleute. Griechenland versucht sich darauf einzustellen. Die Regierung investiert in die Brandbekämpfung, die Feuerwehren werden aufgerüstet. Zugleich soll die Prävention verbessert werden. Es werden Schneisen in die Wälder geschlagen, das Unterholz, das als Brandbeschleuniger wirkt, soll entfernt werden. Griechenland zählt dabei auch auf Gelder aus Brüssel. Und die europäische Union investiert ihrerseits in den Kampf gegen die Waldbrände, sie koordiniert die Nachbarschaftshilfe unter Mitgliedstaaten und baut eine eigene Flotte von Löschflugzeugen auf, um besonders exponierten Ländern wie Griechenland künftig schneller helfen zu können.
Italien gehört zu den wichtigsten Industrienationen. Eigentlich müsste das Land viele Handwerkerinnen und Fachkräfte ausbilden. Doch nur wenige Junge machen eine Berufslehre, denn die Berufsbildung findet fast ausschliesslich an Schulen statt. Und immer mehr Junge zieht es an Unis. Berufslehren, wie wir sie in der Schweiz kennen, sind auch in Italien möglich. Allerdings bieten sie nur wenige Betriebe an. Denn Italien bildet angehende Coiffeure, Pizzabäckerinnen oder Schreiner fast ausschliesslich an Schulen aus. Übung und Praxis kommen erst später dazu. Das hat historische Gründe, ist heute aber ein Nachteil. Die Berufsbildung an Schulen ist nicht besonders beliebt. Und vor allem im Süden ist die Zahl der Schulabbrüche hoch, während im wirtschaftlich starken Norditalien Firmen händeringend nach Nachwuchs suchen. Die Geburtenschwäche Italiens verschärft den Fachkräftemangel. Oder die Tatsache, dass in technischen Brufen Frauen weitgehend fehlen. Zudem verliert Italien wegen tiefer Löhne gut ausgebildete Fachkräfte ans Ausland. Italiens Regierung versucht Gegensteuer zu geben, bisher ohne Erfolg.
Die «grüne Linie» sollte einst die Grenze zwischen Israel und einem künftigen Palästinenserstaat werden. Eine Reise entlang der grünen Linie zeigt jedoch: eine Zweistaatenlösung scheint utopisch: geografisch und psychisch. Erst recht, solange noch Krieg ist. Noch steht die israelische Bevölkerung unter dem Schock des Hamas-Terrors vom 7. Oktober. Noch geht der blutige Krieg zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen weiter. Im letzten halben Jahr sind in Israel, im Gazastreifen und im besetzten Westjordanland Zehntausende getötet worden. Und ausgerechnet jetzt fordert die Welt – allen voran US-Präsident Joe Biden – die Rückbesinnung auf die Zweistaatenlösung, um dem endlosen Blutvergiessen zwischen Israeli und Palästinensern ein Ende zu setzen. Neben Israel einen unabhängigen palästinensischen Staat zu schaffen, ist eine alte Forderung. Im Kontext der Staatsgründung Israels kam es 1947 – 1949 zum Palästinakrieg, dem ersten israelisch-arabischen Krieg. Als dieser mit einem Waffenstillstand endete, zeichneten die Kriegsparteien – in grüner Tinte – auf der Karte der Region die grüne Linie ein. Diese sollte die Grenze zwischen Israel und einem künftigen Staat Palästina bilden. Nach gescheiterten Friedensverhandlungen und Jahrzehnten des Blutvergiessens bleibt die Forderung unerfüllt. Palästinenserinnen und Palästinenser sagen, die grüne Linie sei heute nicht einmal mehr das Papier wert, auf das sie einst gezeichnet wurde. Ihr Land hinter der grünen Linie ist durchsetzt von israelischen Siedlungen, die israelische Armee hat die Kontrolle. Israeli befürchten, ein palästinensischer Staat wäre für ihr Land eine existentielle Bedrohung: nach dem Hamas-Terror vom 7. Oktober erst recht. Bleibt von der «grüne Linie» also nur noch Mauer und Stacheldraht? Von Beit Sahur im besetzten Westjordanland bis zum Kibbutz Mifalsim an der Grenze zum Gazastreifen: eine Reportage zwischen Verzweiflung und kleinen Funken von Hoffnung.
In drei- bis sechstausend Metern Tiefe auf dem Meeresboden liegen Manganknollen: Diese beinhalten grosse Mengen an wertvollen Metallen, die zum Beispiel für den Bau von E-Autos wichtig sind. Liegt im Meeresgrund die Lösung für die Energiewende oder zerstört der Tiefseebergbau das Ökosystem Meer? Es sind wahre Schätze, die im Meer lagern – wie Kopfsteinpflaster, aber tausende Meter unter der Wasseroberfläche. Die polymetallischen Knollen, wie sie auch heissen, versprechen grosse Profite. Denn die Metalle, die in ihnen lagern, sind gefragt: so beispielsweise Kupfer, Nickel, Kobalt oder Mangan. Viele der Knollen liegen in internationalem Gebiet, zuständig ist für sie die Meeresbodenbehörde ISA mit Sitz in Jamaika – eine Institution der Vereinigten Nationen. Die ISA hat bislang dreissig Genehmigungen zur Erforschung der Knollen erteilt, die meisten betreffen die Clarion-Clipperton-Zone zwischen Mexiko und Hawaii. Ob aber auch die Förderung der Bodenschätze erlaubt werden soll, und wenn ja, unter welchen Bedingungen: Das ist stark umstritten. Einige Ländern wittern das grosse Geschäft, während Umweltorganisationen befürchten, dass der Abbau irreparable Schäden für die Natur nach sich ziehen würde. Eine kontroverse Reportage mit Stimmen aus Ostasien und dem Südpazifik.
Menschen, die mit über dreissig noch immer bei ihren Eltern leben. Paare, die sich getrennt haben, aber weiter zusammenwohnen. Viele Spanierinnen und Spanier können es sich nicht mehr leisten, eine Wohnung für sich allein zu mieten. Ein Missstand mit Folgen. Eigentlich sind Concha und ihr Mann bereits seit rund zehn Jahren kein Paar mehr. Aber sie teilen sich weiterhin die Wohnung. «Es ist sehr kompliziert, eine Wohnung in Madrid zu mieten oder zu kaufen. Und sehr teuer», sagt die 62-jährige Concha. «Deshalb machen wir einfach weiter wie vorher.» Diese «WG mit dem Ex» ist nur ein Beispiel unter vielen. Die Spanierinnen und Spanier leiden seit Jahren unter steigenden Wohnkosten, viele können sich keine eigene Wohnung mehr leisten. Besonders betroffen sind auch die Jungen. Ihnen bleibt häufig als Ausweg die «WG mit den Eltern». Über 80 Prozent der unter 30-Jährigen wohnen noch im Elternhaus – das ist mehr als doppelt soviel wie in der Schweiz. Die Wohnungsnot ist auch eines der wichtigsten politischen Themen in Spanien. Das stark polarisierte Land kämpft um die richtige Lösung für das Problem. Die Regierung will die Lage entschärfen – etwa mit der Förderung von sozialem Wohnungsbau und mit Obergrenzen der Mietpreise. Doch wird das neue Wohnungsgesetz, das erste in der Geschichte der spanischen Demokratie, tatsächlich Wirkung zeigen?
Die Olympischen Spiele von Paris werden diesen Sommer zu einem grossen Teil ausserhalb der Stadtgrenze ausgetragen. Am stärksten sind die urbanen Eingriffe dafür im Département Seine-Saint-Denis. Die strukturschwache Banlieue erhofft sich viel davon, weit über die Sportveranstaltung hinaus. An spektakulären Schauplätzen wird es bei den Olympischen Spielen diesen Sommer in Paris nicht mangeln: Basketball oder Skateboard auf der Place de la Concorde, Strandvolleyball neben dem Eiffelturm, Bogenschiessen vor den Invalides. Aber diese Wettkampforte sind provisorisch und werden nach den Spielen wieder abgebaut. Nur fünf Prozent der Spielstätten wurden von Grund auf neu gebaut. Auf Pariser Stadtboden ist dies nur die Arena in Porte de la Chapelle, einem benachteiligten Quartier. Die meisten der Neubauten für die Olympische Spiele entstehen ausserhalb der Ringautobahn, in der nördlichen Banlieue von Paris, einer Gegend, die sonst vor allem durch soziale Spannungen und hohe Kriminalität Schlagzeilen macht: Saint-Denis und die umliegenden Gemeinden sind zur olympischen Grossbaustelle geworden. Der Aufbau der neuen Sportanlagen kostet knapp die Hälfte des gesamten Budgets von rund 8,8 Milliarden Euro. Die Olympischen Spiele werden in der Banlieue von Paris auch langfristig ein Erbe hinterlassen. Das Département Seine-Saint-Denis erhält ein neues Wassersportzentrum und zahlreiche Sportanlagen, die sich arme Vororte sonst nicht leisten können. Und die Olympischen Spiele sind nicht der einzige Entwicklungsmotor in Saint-Denis.
Vor rund einem Jahr starben in Peru 67 Menschen durch Polizeigewalt, bei Demonstrationen gegen Präsidentin Dina Boluarte. Die Todesopfer waren mehrheitlich Indigene. Seither gilt Dina Boluarte, Perus erste Präsidentin überhaupt, als hochumstritten und die peruanische Demokratie als beschädigt. «Wir Indigenen werden keine Ruhe geben, bis wir Gerechtigkeit erhalten», sagt Raúl Samillán. Er spricht stellvertretend für alle Familien, die bei Protesten in Perus Süden letztes Jahr Angehörige verloren, durch Polizeigewalt. Als am 9. Januar 2023 in Juliaca am Titicacasee 19 Menschen bei Demonstrationen starben, verlor Raúl auch seinen Bruder. «Mein Bruder Marco Antonio war Arzt und half an diesem Tag Verletzten, als er erschossen wurde. Niemand hat das Recht jemand anderem das Leben zu nehmen, deshalb sind wir heute in Lima, damit diese Taten nicht straffrei bleiben». Aufgrund der Polizeigewalt zeigten peruanische Anwälte Präsidentin Dina Boluarte und andere Regierungs-Mitglieder vor dem Internationalen Strafgerichtshof an. «Wir sind nicht die Ukraine oder Gaza, aber unser demokratisches System ist unter Druck», sagt Menschenrechts-Anwältin Cruz Silva. Druck müsse jetzt auch die internationale Gemeinschaft ausüben auf die peruanische Regierung, damit sie die Menschenrechte achte. Ein genauerer Blick zeigt: Die peruanische Demokratie ist tatsächlich in Gefahr. Grund ist ein Parlament ausser Rand und Band und demokratische Institutionen, die nur auf dem Papier funktionieren.
Im Norden Schwedens wird bald ein wasserstoff-betriebenes Stahlwerk eröffnet. Tausende Arbeitsplätze entstehen und sollen der Gegend neues Leben einhauchen. Doch nicht alle sind davon überzeugt, ob dieses Projekt tatsächlich so nachhaltig ist, wie es scheint. Es ist ein Projekt der Superlative: Dereinst soll das neue, umweltfreundliche Stahlwerk genauso viel Stahl produzieren, wie die restlichen Stahlwerke Schwedens zusammen. Ein Leuchtturmprojekt der grünen industriellen Revolution innerhalb der ganzen EU. Dafür sollen Menschen aus der ganzen Welt in die Kleinstadt Boden ziehen. Das verspricht sich der Bürgermeister. Und das soll erst der Anfang sein. Er erhofft sich, dass seine Stadt bald wieder aufblüht, nachdem sie davor jahrelang geschrumpft ist. Doch nicht alle sind so optimistisch: Die Sami, die Uhreinwohner Schwedens, fürchten, dass die Natur trotz gegenteiliger Versprechen in Mitleidenschaft gezogen wird. Sie leben meist von der Rentierzucht und sind dafür auf intakte Wälder angesiesen. Sie fürchten, dass der Entwicklungssprung für Boden für sie eine weitere Verkleinerung ihres Lebensraums bedeutet.
Seit gut zehn Jahren regiert der ehemalige General Abdel Fatah Al Sisi. Er stützt sich auf die Armee, die immer tiefer in die Wirtschaft verstrickt ist. Das bevölkerungsreichste arabische Land soll mit pharaonischen Bauprojekten in die Zukunft katapultiert werden. Doch die Armut steigt. Schnellstrassen, Metrolinien, eine gigantische neue Verwaltungshauptstadt mitten in der Wüste - die Projekte reissen gewaltige Löcher in die Staatskasse. Ägypten hängt am Tropf ausländischer Kreditgeber. Besserung ist nicht in Sicht. Staatspräsident Sisi schwört sein Land mit bizarren Vergleichen auf immer härtere Durststrecken ein: "Bei Gott, wenn der Preis für Fortschritt und Wohlstand der Nation darin besteht, hungrig und durstig zu sein, dann lasst uns weder essen noch trinken." Doch ob die Investitionen in die Infrastruktur und die milliardenverschlingenden Prestigeprojekte der Bevölkerung dereinst bessere Lebensperspektiven bringen, wird von Fachleuten in Frage gestellt. Bis jetzt profitiert vor allem die Armee: sie ist zum wichtigsten Akteur in der ägyptischen Wirtschaft aufgestiegen. Die Reportage aus Kairo und aus dem Nil-Delta.
Korruption, Kriminalität, kaum berufliche Perspektiven: In den letzten drei Jahrzehnten haben mehr als eine Million Albanerinnen und Albaner ihr Land verlassen. Und der Exodus geht weiter. Die Folgen sind im ganzen Land spürbar. «Es gibt nichts zu tun für junge Menschen hier. Man kann Billiard oder Playstation spielen - oder in Kaffees rumhängen», sagt ein junger Mann in einem albanischen Dorf. Der Satz steht exemplarisch für die fehlenden Perspektiven vieler Jungen im Land. Kein Wunder, versuchen sie ihr Glück anderswo. Häufig in einem anderen Land. Albanien kämpft mit Abwanderung. Knapp ein Drittel aller, die im Land geboren wurden, leben mittlerweile im Ausland. Und sie sind gesucht: Wegen des Fachkräftemangels rekrutieren etwa deutsche Firmen gezielt Angestellte aus dem Westbalkan. Mit negativen Auswirkungen, wie sich etwa beim Pflege- und Spitalpersonal zeigt. Leute mit medizinischer Ausbildung sind im Ausland besonders begehrt. Die vielen, die ins Ausland gehen, fehlen in Albanien selbst - was die angespannte Lage im eh schon maroden Gesundheitswesen des Landes zusätzlich verschärft. Das Beispiel illustriert ein grundsätzliches Problem Albaniens: Es sind häufig junge und gut ausgebildete Menschen, die auswandern. Jener Teil der Gesellschaft also, der eigentlich gute Perspektiven haben sollte und das Land vorwärtsbringen könnte.
Politik und Fussball sind in Afrika eng verwoben. Der Präsident redet dem Nationalcoach in die Aufstellung rein. Der Fifa-Chef wird ohne Afrika nicht gewählt. Und in der Elfenbeinküste soll gar das Nationalteam einen Bürgerkrieg beendet haben. «Das Turnier ist ein Erfolg für den Präsidenten!» Der Matchbesucher am Afrikacup in der Elfenbeinküste unterstützt das Heimteam. Und er applaudiert dem Präsidenten Alassane Ouattara, der im Auto eine Stadionrunde dreht. Klubbesitzer nutzen den Sport als Einstiegshilfe in die Politik. «Als Politiker suchst du Unterstützung bei Kirchen, Gewerkschaften und Fussballclubs», erklärt ein kenianischer Klubpräsident. Mit George Weah wurde ein früherer Weltfussballer gar Staatspräsident Liberias. Der Fussball bringt Menschen zusammen. In der Elfenbeinküste bat Captain Didier Drogba die Bürgerkriegsparteien: «Vergebt euch, legt die Waffen nieder!» Afrikas Fussballbegeisterung nutzt auch Fifa-Präsident Gianni Infantino. Ohne die Unterstützung der nationalen Verbände wäre er nie ins Amt gewählt worden. Dafür zeigt er sich gerne erkenntlich.
Schon Jahrzehnte dauert der Konflikt zwischen den tamilischen und singhalesischen Volksgruppen in Sri Lanka an. Der blutige Bürgerkrieg endete vor 15 Jahren, doch die Narben sind nicht verheilt, Kriegsverbrechen wurden nicht aufgeklärt, noch bleiben viele Tamilinnen und Tamilen vermisst. Jogarasa Kanakarangini hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben: Seit Mai 2009 wartet die 64-jährige Tamilin darauf, ihren Sohn Amalan wieder in die Arme zu schliessen. Amalan hatte im Bürgerkrieg mit den Tamil Tigers für einen separaten Tamilen-Staat gekämpft und sich direkt nach der Niederlage ergeben. Das damalige Versprechen, ihn und die vielen anderen zu rehabilitieren, hat die Regierung bis heute nicht eingelöst. Die tamilischen Gefallenen und Vermissten sind in den Augen der singhalesisch-dominierten Regierung Sri Lankas schlicht Terroristen, die einen tödlichen Unabhängigkeitskampf gegen den rechtmässigen Staat geführt hätten. Die separatistische Gefahr sei noch immer nicht gebannt, die Unterdrückung der tamilischen Minderheit daher gerechtfertigt. Angehörige der Vermissten, wie Jogarasa Kanakarangini, plädieren dagegen für Aufklärung und Gerechtigkeit. Fünf Mal sei sie schon nach Genf gereist, um vor dem UNO-Menschenrechtsrat auf ihren verschwundenen Sohn und die vielen anderen Vermissten aufmerksam zu machen, sagt Amalans Mutter Jogarasa. Genützt habe es nichts. Sie und viele andere Angehörige fühlen sich von ihrem Land und der Welt im Stich gelassen.
Seit Jahren geht China im Südchinesischen Meer immer aggressiver vor. Das Land sieht die Gewässer westlich der Philippinen als eigenes Staatsgebiet. Die lokalen Fischer werden von ihren Fischgründen abgeschnitten und verlieren ihre Lebensgrundlage. Immer wieder kommt es zu heiklen Situationen auf dem Meer: Die chinesische Küstenwache trifft auf die philippinische Küstenwache, vertreibt Fischer gewaltsam von ihren angestammten Fischgründen. China ist entschlossen, seine Besitzansprüche zu untermauern. Dabei baut die Weltmacht ihre militärische Präsenz auf Inseln und Atollen aus. Riffe werden mit Sand aufgeschüttet und zu regelrechten Festungen im Meer ausgebaut. Dabei ist das internationale Recht deutlich: China habe keinen Anspruch auf das von den Philippinen beanspruchte Gebiet. Doch Peking setzt sich über den Schiedsspruch hinweg und beruft sich dabei auf historische Rechte. Die USA dagegen haben eine Militärallianz mit den Philippinen und wollen die Kontrolle über die Gewässer nicht China überlasen. Dabei geht es auch um Geopolitik, Handelsrouten und Bodenschätze. Die Folgen dieses Kräftemessens spüren die lokalen Bewohner und Bewohnerinnen. Die Fischer genauso wie der Tourismusbeauftragte einer abgelegenen Inselgruppe.
Das zentralafrikanische Gabun gilt beim Klimaschutz als vorbildlich. Als eines der wenigen Länder weltweit nimmt es mehr CO2 auf als es ausstösst. Dies dank des tropischen Regenwaldes, der einen Grossteil des Landes bedeckt. Ihn zu nutzen und gleichzeitig zu schützen ist eine Herausforderung. Fast 90 Prozent der Fläche von Gabun sind mit tropischem Regenwald bedeckt, ein Teil davon ist Primärwald, ursprünglich und unberührt. Unzählige Insekten und Tierarten bevölkern den Wald, Elefanten etwa und Gorillas. Abgeholzt wird nur wenig. Der Regenwald soll geschützt werden, darüber herrscht weitgehend Einigkeit. Und so überwacht Gabun seinen Waldbestand so genau wie kein anderes afrikanisches Land, mit Hilfe von Technologie aus der Raumfahrt. Doch gleichzeitig soll der Regenwald auch genutzt werden dürfen. Denn Gabun will in seiner wirtschaftlichen Entwicklung nicht gebremst werden, die mehrheitlich junge Bevölkerung braucht Jobs und Perspektiven. Das Land lebte bisher hauptsächlich vom Erdöl, will nun aber zunehmend auf andere Wirtschaftszweige setzen, zum Beispiel auf die Holzindustrie. Doch ist das nachhaltig? Wer profitiert davon und wer sind die Verlierer?
Dass alles so bleiben muss, wie es war, ist ein Motto Italiens im Umgang mit seiner grossartigen Vergangenheit. Es macht das Land aber auch zu einem grossen Museum. Eine Reise zwischen Bozen und Bari zeigt die Problematik dieses Ansatzes und eine innovative Seite Italiens hinter den Klischees. Als 1902 der weltberühmte Glockenturm von San Marco in Venedig einstürzte, war der Schock gross. Nach dem Motto: «Com'era e dov'era» - «dort wo er war und wie er war» wurde er in Rekordzeit wiederaufgebaut. Diese Haltung führt aber auch zu Erstarrung und Stillstand. Die mittelalterliche Stadt Camerino in den Marken zum Beispiel ist seit einem Erdbeben 2016 quasi eingefroren, weil alles wieder so sein soll, wie es war. In den Uffizien von Florenz zeigt der erfolgreiche Direktor Eike Schmidt, wie man mit Vergangenheit die Jugend anzieht. Turin wiederum ist ein Wahrzeichen einer italienischen Nostalgie, als es Italien dank grossen Firmen wie Fiat in den 1960ern bis 1980ern gut ging. Und Bari in Apulien zeigt, wohin dieses Land gehen kann. Die Stadt, berühmt für die handgemachten Orecchiette, liegt in der Rangliste der führenden Startups an fünfter Stelle, unmittelbar hinter Mailand, Turin, Rom und Neapel.
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Comments (2)

Rey Berisha

very interesting🤓 👌🏻

Nov 21st
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Jessica Welteroth

Also...Ihre Vorstellung von der Beschreibung ihrer Welt bedeutet durchweg alles an der Kanzlerin zu kritisieren..?? Da fällt ja kein positives Wort zu einer Frau, die immerhin immer wieder gewählt wurde... Super Journalismus.....

Oct 3rd
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