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In-Sayn
In-Sayn
Author: Nilima Chowdhury
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Description
Dieser Podcast beleuchtet, wie Gesellschaft und Psyche zusammenhängen und bringt euch, ganz nebenbei, die diskursive und narrative Psychologie näher. Basierend auf ihrer eigenen Forschungsarbeit, widmet sich die Sozialpsychologin Nilima Chowdhury (Universität St.Gallen, Universität Lausanne) hier verschiedensten Fragestellungen: was genau ist eigentlich das ‘Ich’? Warum werden die Menschen immer perfektionistischer? Wie wirken sich kulturelle Ideale auf unsere Psyche aus? Und wie funktioniert individuelle Veränderung?
Folgen erscheinen Mitte des Monats, freitags.
In-Sayn ist Teil von Sayn Space. Wenn ihr mehr darüber erfahren und/oder Nilimas Arbeit unterstützen wollt, schaut auf www.sayn.space vorbei.
12 Episodes
Reverse
Die Sozialpsychologin Nancy Cantor schlug deshalb schon vor 30 Jahren vor,
man solle die Persönlichkeit als eine Ansammlung sozialen Wissens
betrachten, das es uns ermöglicht die Aufgaben, die das Leben uns stellt,
zu lösen. Eine extravertierte Person würde demnach schlicht über
effektivere Problemlösungsstrategien für Gruppensituationen verfügen als
eine introvertierte Person. Oder anders ausgedrückt: die Situation
definiert bis zu einem gewissen Punkt die Persönlichkeit, jedoch definiert
die Persönlichkeit auch die Situation. Sprich: je nach Disposition und
vorhandenem sozialen Wissen werden Situationen unterschiedlich
wahrgenommen. Eine ängstliche Person nimmt die Situation „allein im dunklen
Wald unterwegs“ als bedrohlich wahr, während eine mutige Person sie als die
Chance auf ein Abenteuer wahrnimmt. Umgekehrt betrachtet ruft der dunkle
Wald bei Person A ihre ängstliche Seite hervor und bei Person B ihre
neugierige Seite. In einer anderen Situation würden wir vielleicht das
genaue Gegenteil beobachten: Person A ist nun mutig und Person B ängstlich.
Deshalb lohnt es sich, sich immer mal wieder in neuartige Situationen zu
begeben. Wer weiß, vielleicht bringt sie eine ganz neue Seite an euch
hervor!
Industrialisierung und Urbanisierung hatten Massenarmut und steigende
Kriminalität hervorgebracht. Die Schulen hatten nun die Aufgabe, diese
sozialen Probleme in den Griff zu bekommen, indem sie Kinder zu fügsamen
und produktiven Arbeitern erzogen. Um potenzielle „faule Eier“ unter den
Schülern ausmachen zu können, vor allem solche mit Intelligenzdefiziten
oder delinquenten Neigungen, entwickelte die Psychologie verschiedenste
Messinstrumente, unter anderem erste Intelligenztests. Wer von der
etablierten Norm abwich, konnte somit frühzeitig identifiziert werden. Da
Entwicklung, sowohl die in Anführungsstrichen gesunde als auch davon
abweichende Formen, als ein vorrangig biologischer Prozess betrachtet
wurde, lag der Fokus vor allem auf der frühzeitigen Erkennung derjenigen
Kinder, die als Erwachsene vielleicht einmal Staat und Gesellschaft
Probleme verursachen würden. Hier ging es also weniger um das „Fordern und
Fördern“ benachteiligter Kinder, sondern darum, die Spreu vom Weizen zu
trennen!
Die Sozialpsychologen Margaret Wetherell und Jonathan Potter haben schon
vor über 30 Jahren in ihrem Buch „Mapping the language of racism“ gezeigt,
dass ein und dieselbe Person innerhalb eines Gesprächs zwischen
rassistischen und anti-rassistischen Äußerungen bzw. Positionen hin- und
herwechseln kann. Und dass solche ‚inneren Widersprüche‘ nicht nur
vollkommen normal, sondern tatsächlich gar keine Widersprüche sind. Der
Widerspruch löst sich auf, wenn wir uns von der Idee verabschieden, es gäbe
nur ein echtes, authentisches Selbst, mit einer Persönlichkeit, einer
politischen Haltung, etc. Stattdessen nehmen wir, je nach Kontext, Stimmung
usw. jeweils unterschiedliche Ich-Positionen ein. Diese gehen aus den
jeweiligen Beziehungskonstellationen hervor. Das macht sie nicht weniger
authentisch, dafür jedoch durch und durch soziale Produkte.
Die Karte, also unsere kulturelle Logik, gaukelt uns vor, dass etwas da
ist, was es in Wirklichkeit jedoch nicht ist. Wie fühlt man sich? Betrogen?
Enttäuscht? Sehr wahrscheinlich. Das Problem ist nun aber, dass, wie in
„Des Kaisers neue Kleider“, niemand ausspricht, dass der Kaiser nackt oder
das Schokoladengeschäft gar nicht da ist. Die anderen um dich herum stehen
da und zeigen auf das Ladenschild, machen Fotos, kommentieren die Auslage.
Nur du kannst nichts sehen. Was passiert? Du fängst an, an deiner eigenen
Wahrnehmung zu zweifeln. Vielleicht reibst du dir die Augen, setzt deine
Brille ab und wieder auf, wenn du eine trägst, gehst zum Augenarzt, um
deine Sehkraft überprüfen zu lassen. Da wir durch und durch soziale Wesen
sind, zweifeln wir eher daran, was wir mit eigenen Augen sehen als daran,
was – zumindest vermeintlich – alle anderen sehen!
Dass Empathiefähigkeit in einer sich rasant globalisierenden und
vernetzenden Weltgesellschaft essenziell ist, steht wohl außer Frage. Denn:
nur wenn wir uns als Menschheit, und nicht nur als Deutsche oder
ChinesInnen, auf gemeinsame Ziele und eine gemeinsame Vorgehensweise
einigen, werden wir nennenswerte Fortschritte erzielen. Allerdings steht in
unserem Selbstverständnis das Menschsein in den seltensten Fällen an erster
Stelle. Zunächst einmal begreifen wir uns als Sohn oder Tochter von,
politisch progressiv oder konservativ, als Bewohnerin dieses oder jenes
Landes, als Maurerin oder Zahnarzt usw. Der Klimawandel oder die wachsende
soziale Ungleichheit sind jedoch globale Probleme, die globale Lösungen
erfordern. Tausendmal gehört, aber so richtig angekommen ist es noch nicht.




