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Author: betdenkzettel

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BetDenkzettel sind kurze Bet- und Denkanstöße von Fra' Georg Lengerke zu einem Wort aus den Schriftlesungen der Liturgie vom Tag
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Ein „Wegräumer“ ist entweder einer, der etwas wegräumt, oder einer, der den Wegräumt. Johannes der Täufer ist beides. In ihm, sagt Matthäus, erfüllt sich die Verheißung des Jesaja einer „Stimme eines Rufers in der Wüste“, der ruft: „Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen!“ (Mt 3,3 und Jes 40,3) Johannes ruft den Menschen zu, dem Herrn den Weg zu bereiten und aus dem Weg zu räumen, was seinem Ankommen bei uns noch im Wege steht. Aber es gibt Hindernisse, die wir selbst uns nicht nehmen können. Dazu gehört die Schuld. Im Lukasevangelium ist es deshalb Johannes selbst, der als „Prophet des Höchsten […] dem Herrn vorangehen und ihm den Weg bereiten“ wird. Wie tut er das? Er wird „sein Volk mit der Erfahrung des Heils beschenken in der Vergebung seiner Sünden“. (Lk 1,76 f.) Mit einigen Bewohnern der Kommende junger Malteser in München faste ich seit dem Abend des Aschermittwoch feste Nahrung. Unter dem Stichwort „Heilfasten“ gibt es dazu jede Menge gute Hilfe. Heute ist der siebte Tag. Und ich bemerke, dass ich nicht nur für scheinbar selbstverständliches gutes Essen immer dankbarer werde, sondern auch für vieles empfänglicher, was mich sonst so nicht erreicht: sinnliche Eindrücke, Worte, geistliche Empfindungen und Menschen mit ihren Anliegen. Dazu ist die Fastenzeit da, dass ich erreichbarer werde für Gott und seine Gaben. Fasten heißt folglich auch Mich-empfänglich-Machen(-Lassen)für das, was Gott mir sein und geben will. Johannes der Täufer ist der Wegbereiter Jesu. Und er ist auch der Empfänglichmacher derer, die ihn suchen. Du kannst Dich in dieser Fastenzeit fragen, wo und wie Du empfänglicher werden willst für Gott und seine Gaben. An drei Weisen, wie Gott zu uns kommt, will ich noch einmal kurz erinnern: 1. Gott kommt zu uns in seinem Wort und im Zeugnis von ihm. Wenn wir wollen, dass Gott zu uns und in uns spricht, müssen wir ihn reden lassen. Im Wort der Heiligen Schrift, im Zeugnis der Kirche, der Heiligen und der Brüder und Schwestern – und im Gebet: im Hören, im Schweigen und im Antwortgeben. 2. Gott kommt in der Versöhnung und Vergebung. Wir werden mit Gott nicht versöhnt sein, wenn wir es nicht mit den Menschen sein wollen. „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner“, sagt der Erste Johannesbrief (4,20). Die Fastenzeit ist „Gnadenzeit“, in der wir die Vergebung suchen und finden, anbieten und schenken können: bei Menschen und bei Gott, im Gespräch und im Sakrament der Versöhnung. 3. Gott kommt zu uns durch die Schwester und den Bruder in Not. Gott begegnet uns in jedem Bruder und jeder Schwester, weil er sich mit ihnen verbunden hat. Er begegnet uns in den Christen, weil sie sich mit ihm verbunden haben. Und er kommt zu uns durch die, deren Leben und Leiden, deren Wunden und Schmerzen, deren Verlassen- und Verachtetsein er zu seinem gemacht hat. Dies ist eine gute Zeit, mich für die Not eines Menschen in meiner Nähe empfänglich zu machen, für ihn da zu sein und mit ihm den Herrn zu finden, der sich seiner und meiner Lebensnot schon angenommen hat. Johannes der Täufer hilft uns, die Wege zu bereiten, die Gott in Jesus zu uns zu kommen versprochen hat. Fra' Georg Lengerke.
Umdenken Mk 1,12–15

Umdenken Mk 1,12–15

2021-02-2102:19

Beim Umkehrruf Jesu geht es um mehr als um eine bloße Kurskorrektur. Es geht um eine „Metanoia“, ein Umdenken. Metanoia bedeutet Hinkehr des ganzen Menschen zu Gott und von Gott her zur Welt: im Denken und Empfinden, im Wahrnehmen und Entscheiden, im Reden und Tun. Wenn von Umkehr die Rede ist, scheint mir dreierlei wichtig: 1. Metanoia bedeutet Umdenken. Zur christlichen Spiritualität gehört also nicht nur das Fühlen, sondern auch das Denken. Die Alleinherrschaft des Fühlens führt auch geistlich in die Sklaverei. Geben wir dem Denken seine Daseinsberechtigung als Deuterin des Fühlens zurück. Wir sollen bedenken, was wir empfinden, und empfinden, was wir bedenken. 2. Wo von Umkehr gesprochen wird, ist zuerst vom Ziel der Hinkehr und dann von der Notwendigkeit der Abkehr zu reden. Wo von Gott nicht mehr oder unangemessen gesprochen wird, wird Er zur Karikatur. Und dann wird die Abkehr von der Karikatur Gottes die letzte verbleibende Umkehr sein. Aber das Evangelium Jesu bedeutet, dass das Leben mit Gott befreiend und spannend, leidenschaftlich und froh machend, alles kostend und alles schenkend, verheißungsvoll und nicht selten auch humorvoll ist. 3. Umkehr bedeutet schließlich nicht, ein Anderer zu werden als ich bin. Sie bedeutet just das Gegenteil: dass ich aufhöre, ein Anderer zu sein als ich bin. Umkehr bedeutet den Weg aus der Entfremdung (Sünde) in jene ursprüngliche Identität, die wir von Gott empfangen haben und vor Gott auch wieder finden und um zum Vorschein bringen werden. Erleuchte mein Denken, dass ich verstehe, was ich fühle, und fühle, was ich verstehe. Gib, dass die Freude an Dir mir mein Fremdeln verleidet. Und lass mich schon hier zu Dir nach Hause finden, wo ich werde, der ich bin. Fra' Georg Lengerke
Liebe Denker und Beter, in dieser Fastenzeit wird es unter der Überschrift „Heuschrecken und wilder Honig“ jeweils einen Impuls pro Woche am Mittwoch geben. Der erscheint zusätzlich zu den BetDenkzetteln der Sonntage. Johannes der Täufer, der Wegbereiter Jesu und Ordenspatron der Malteser und Johanniter, wird uns in dieser Zeit wichtige Anstöße für eine fruchtbare Erneuerung auf Ostern zu liefern. Er ist keine „erfreuliche Gestalt“. Sein Ruf zur Umkehr ist streng, sein Urteil scharf, sein Umgangston herb, sein Leben karg und seine Erscheinung alles in allem eher etwas ungekämmt. So ist Johannes der Täufer, der Wegbereiter Jesu. Ganz anders ist das, was wir als allererstes von ihm hören. Während seine Mutter Elisabeth mit ihm schwanger ist, kommt die verwandte Maria aus Nazareth zu Besuch. Auch sie ist schwanger – mit Jesus. Was auch immer Maria bei der Begrüßung gesagt haben mag – Elisabeth zerreißt es fast: „Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt.“ (Lk 1,41) Während Elisabeth Maria hört, nimmt Johannes die Nähe dessen wahr, dem den Weg zu bereiten sein Lebensinhalt sein wird. Das erste, was wir von Johannes hören, ist, das er hüpft. Der Ungeborene tanzt vor Freude. Das wofür sich für ihn zu leben lohnt, hat begonnen. Der Verheißene ist nahe und im Kommen. Das sollten wir uns in dieser Fastenzeit gut merken, wenn wir an Johannes nicht verzagen, sondern ihn verstehen wollen: Dass es ihm um den geht, der die rettende Freude der ganzen Welt. ist. Das rechtfertigt seine ganze Unerbittlichkeit. Er weiß, was auf dem Spiel steht, wenn die Wege nicht bereitet, die Herzen nicht bekehrt und die Absichten nicht ans Licht gebracht werden. Ich möchte Euch vorschlagen, dass wir die Freude des Johannes im Mutterleib zum Grundanliegen unserer Fastenzeit machen: die Freude über das Nahegekommensein Gottes als Mensch bei uns Menschen. Alles Fasten und Gebet und unser Dienst am Nächsten, jeder Verzicht und unsere Offenheit für das Dasein und Wirken Gottes – alles soll der Freude an Gottes Nähe zu uns und zu unseren Nächsten dienen. Johannes im Mutterleib ist auch ein Bild für unser Leben. Der Mutterleib ist seine Welt. Gott ist als Mensch nahe gekommen, aber noch nicht sichtbar. So ähnlich geht es den meisten von uns. Ich musste an die Geschichte des Gesprächs der Zwillinge im Mutterleib denken, die Henri Nouwen erzählt (nach einer Erzählung von Maurice Lamm in: Die Gabe der Vollendung. Mit dem Sterben leben, Freiburg: Herder 1994, S. 36-37). Die beiden streiten über die Existenz der Welt draußen wie wir über den Himmel, und darüber, ob es eine Mutter gibt, wie wir über die Frage nach Gott. Johannes spürt die Nähe dessen, den er noch nicht sieht, aber der zum Vorschein kommen wird. Und auch er selbst, auch Johannes muss zum Vorschein kommen, wenn er den sehen soll, für den er leben und gehen und sterben wird. Auch darum geht es in der Fastenzeit. Wenn die Freude an Gott in uns wachsen und vollkommen werden soll, dann müssen wir zum Vorschein kommen. Weil Gott zum Vorschein gekommen ist. (Mehr zu "Heuschrecken und Wilder Honig" findet sich hier: https://www.kommende-junger-malteser.de/)  Fra' Georg Lengerke
Schon in der frühen Kirche gab es Polarisierung. Ich weiß nicht, wie weit die der heutigen ähnelte zwischen denen, die sich auf die Tradition der Kirche, und denen, die sich auf die Lebenswirklichkeit der Menschen berufen. Dennoch können wir von Paulus etwas über den Umgang mit Polarisierungen lernen. Den Heiden sagt Paulus, sie sollen sich vom Götzendienst fernhalten. Den Juden sagt Paulus, sie sollten ihre neugewonnene Freiheit nicht vergötzen und über die Liebe zu ihren Geschwistern aus dem Heidentum stellen. Für viele Heiden war auch noch nach ihrer Bekehrung der Verzehr von Fleisch, das bei Opfern für Götzen übrig geblieben war, ein Tabu. Für viele Juden galt das als skrupulöse Bedenkenträgerei. Paulus empfiehlt der Gemeinde in Korinth keinem der beiden Seiten, „weder Juden noch Griechen“, Anlass zu einem Vorwurf zu geben. Anders gesagt, sie sollten einen Sinn für das Anliegen beider Seiten haben: für die Sorge der einen, wieder in den Einflußbereich der Götzen zu kommen, und das Anliegen der anderen, nicht in ihrer Freiheit beschnitten zu werden. Wo sind die Leute in der Kirche, die Verständnis haben für den jeweils wahren Kern der Anliegen der auf beiden Seiten Verschanzten, die einander des Untergangs der Kirche bezichtigen? Für die liefert Paulus ein wichtiges Kriterium: „Ob ihr esst oder trinkt oder etwas anderes tut: Tut alles zur Verherrlichung Gottes!“ Darauf müssten sich diejenigen einigen können, die meinen, dass sie in der Mitte der Kirche stehen – dass es in allem zuerst um die größere Ehre Gottes geht. Und die Ehre Gottes besteht darin, dass Gott zu den Menschen kommt und die Menschen zu Gott kommen. Fra' Georg Lengerke
„Allen bin ich alles geworden“ (1 Kor 9,22) schreibt Paulus nach Korinth. Entsprechend disponierte Leser könnten daraufhin meinen, sie müssten allen alles recht machen, durchgehen lassen oder sogar gutheißen und allen in allem zu Willen sein. So geht ihnen ihr inneres Helferlein fröhlich voran in die sichere Erschöpfungsdepression. Zweierlei hilft mir heute, das Wort des Paulus besser zu verstehen: Das eine ist der frühmorgendliche Abschied Jesu in die Einsamkeit des Gebets. Und das obwohl jeder in Kafarnaum etwas von ihm wollte und ihn zu brauchen meinte. „Alle suchen dich!“ (Mk 1,37) sagen ihm die nachsetzenden Jünger. Aber Jesus wird den Menschen nur dann gerecht, wenn er aus der betenden Vertrautheit mit dem Vater zu ihnen – und zur rechten Zeit auch weiter geht, auch wenn nicht alle Wünsche erfüllt sind. Den anderen Hinweis finde ich in dem seltsamen Wort vom „Zwang“ des hl. Paulus, das Evangelium zu verkünden. Sein ganzes Leben muss ja von der grundstürzenden Kraft der spät gefundenen Gemeinschaft mit Christus durch und durch geprägt gewesen sein. So konnte er gar nicht anders, als schon mit seiner Lebensform, seiner Botschaft und seiner Weise, den Menschen zu begegnen, das Evangelium Christi zu verkünden. „Allen alles werden“ heißt dann für mich, mich mit Christus für den Einzelnen vor mir so zu interessieren, als gäbe es nur ihn. Und zwar auch dann, wenn er mir religiös, gesellschaftlich oder politisch fremd ist. Es heißt, an seinem Leben Anteil zu nehmen, indem ich zu verstehen suche, woher er kommt und wie er so geworden ist, wie er ist. Es heißt schließlich, die Liebe Gottes zu ihm zu sehen, sie mitzuvollziehen – und ihn für diese Liebe zu gewinnen. Fra' Georg Lengerke
Der Zölibat ärgert, wo er für eine leibfeindliche Disziplinarmaßnahme gehalten und lieblos verwirklicht wird. Der Zölibat tröstet, wo er eine Liebesgeschichte mit Gott ist und so verfügbar für die Menschen macht. Die Ehe ärgert, wo sie beansprucht, exklusiv und lebenslänglich zu sein, oder wo sie lieblos gelebt wird. Die Ehe tröstet, wo zwei miteinander ein Zuhause werden für viele und ein Zeugnis für die Sorge Gottes geben. Paulus beschreibt das Ideal der Zölibatären, die um Gottes Willen „ungeteilt“ für Gott da sein können. Und er benennt den Konflikt der Eheleute, wo sie „geteilt“ sind zwischen Dasein für Gott und Dasein für den Nächsten. Es gibt aber auch das Ideal der Eheleute und den Konflikt der Zölibatären: das Ideal, dass einer ungeteilt mit Gott für den geliebten Anderen da ist; und den Konflikt, dass einer scheinbar ungeteilt für Gott und in Wirklichkeit nur für sich selbst lebt. Wo Eheleute und Zölibatäre ihrer Berufung gemäß leben, haben sie einander (und allen, die irgendwo zwischen den Stühlen stehen) Wichtiges zu sagen: Was die Priorität der einen ist, soll die Konsequenz der anderen sein. Die Zölibatären sollen „ungeteilt“ zuerst mit den Menschen für Gott und dann mit Gott für die Menschen da sein. Die Eheleute sollen „ungeteilt“ zuerst mit Gott für die Menschen und dann mit den Menschen für Gott da sein. Neulich bei verheirateten Freunden: Sie haben fünf Söhne zwischen 21 und 13. Mittlerweile arbeitet auch sie wieder. Es gibt keine Hilfe im Haus. Das Haus ist die Sache aller und ein Ort für viele. Mit einer solchen ungeteilte Hingabe wie die der beiden mit Gott aneinander und miteinander für ihre Kinder und für Leute wie mich – so möchte ich für Gott und mit Gott für die anderen da sein. Fra' Georg Lengerke
Liebe Freunde, heute mit etwas Verspätung einige Gedanken zum Fest der Bekehrung des hl. Paulus. Auf dem Weg nach Damaskus, wo Saulus (später Paulus) die Christengemeinde vernichten will, stürzt er, vom Licht überwältigt, zu Boden und hört eine Stimme sagen: „Ich bin Jesus, den du verfolgst“ (Apg 22,8 und 9,5). Jesus spricht hier von der verfolgten Kirche, und er spricht von sich. Es gibt zwei Weisen, wie Menschen „Träger“ der Gegenwart Christi werden. Das sind zum einen die, mit denen sich Christus identifiziert: nämlich jeder einzelne Mensch. „Denn der Sohn Gottes“, sagt das Zweite Vatikanische Konzil, „hat sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt“ (GS 22,2) Das gilt besonders von den Armen und Kranken und den „geringsten Brüdern und Schwestern“ (Mt 25,40). Was wir ihnen tun, haben wir IHM getan. Und es gilt auch den von Gott „Gesonderten“, den Sündern, an deren Stelle er tritt. Zu ihnen gehören auch wir. Zum anderen sind die „Träger“ seiner Gegenwart jene, die sich mit Christus identifizieren. Das sind jene , die sich als Antwort auf sein Kommen nun ihrerseits mit ihm verbinden, weil sie in Glaube, Taufe und Bekenntnis, „in Gedanken, Worten und Werken“ seine Stelle einnehmen. Von ihnen sagt Jesus: „Wer euch hört, hört mich“ (Lk 10,16), und „Wo ich bin, da wird auch mein Diener sein (Joh 12,26). Von ihnen spricht Jesus, wenn er den Paulus fragt: „Warum verfolgst du mich?“ Wir sind schon die, mit denen sich Jesus identifiziert hat und an deren Stelle er tritt. Im Glauben und in der Liebe werden wir immer mehr die, die sich mit Jesus identifizieren und die an seine Stelle treten, um mit ihm zu leben, zu lieben und zu leiden. Wollen wir das? Fra' Georg Lengerke
Der Rat des Paulus an die Korinther irritiert: „Wer eine Frau hat, soll sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine“ (1 Kor 7,29). Klingt wie die Filmszenen, in den Männer heimlich ihren Ehering vom Finger ziehen, wenn sie einer attraktiven Frau begegnen. Aber es geht hier nicht darum, die Ehe nicht ernst zu nehmen. Paulus steht unter dem Eindruck des Anbruchs einer neuen Zeit. Gott der Sohn hat sich den Menschen als Mensch geoffenbart. Er hat nach seinem Tod und seiner Auferstehung seine Gegenwart in der Kraft des Heiligen Geistes versprochen, um die Seinen zu sammeln und zu senden und die Welt zu Gott dem Vater nachhause zu bringen. Diese neue Zeit hat für Paulus etwas Drängendes. Das Ankommen bei Gott steht jeweils kurz bevor. Für den Einzelnen und für die Welt. Bis heute. Alles muss auf den Prüfstand, damals wie heute: unsere Beziehungen und Empfindungen, die Dinge, die uns oder denen wir zur Verfügung stehen. Alles muss sich vor der Frage bewähren, ob es dem Weg mit Gott und zu Gott dient oder nicht. Denn „die Gestalt dieser Welt vergeht“. Daran erinnern uns Männer und Frauen, die auf Ehe und Familie, auf irdische Güter und eine bürgerlich-sichere Existenz verzichtet haben; Ehepartner, die einander ganz angenommen und ganz freigegeben haben, um nicht nur beieinander, sondern miteinander bei Gott anzukommen; reiche und großzügige Menschen, die haben, als hätten sie nicht, und denen man mit ihrem Vermögen nicht zugleich ihr Leben nehmen kann. Wir verachten die Welt nicht, sondern im Gegenteil; die die Welt kommt in Ordnung, wenn wir ernst damit machen, dass sie uns nicht gehört. Wir sind mit der Welt im Aufbruch zu Gott. Und, so sagt Hans Urs von Balthasar,  „uns ist die Zeit nur auf jederzeit mögliche Kündigung geliehen.“ Fra' Georg Lengerke
„Wo bleibst Du?“ frage ich einen, der säumig ist, obwohl es Zeit ist zu gehen. „Wo bleibst Du?“ frage ich den, der übrigbleibt, weil an ihn nicht gedacht wurde. „Wo bleibst Du?“, fragen die beiden Männer Jesus wörtlich übersetzt im heutigen Evangelium (Joh 1,38). Uns wird derzeit oft gesagt, wir sollten zuhause bleiben. Aber wo ist eigentlich mein Zuhause? Zuhause ist, wo ich bleiben kann. Aber vielen fällt das Bleiben schwer. Denn unser Zuhause ist nicht nur unsere Bleibe. Es ist auch der Ort, von wo ich aufbreche und zu dem ich heimkomme. „Wo bleibst Du?“, fragen die Jünger. Das ist keine Frage an den Nachzügler und keine Frage an den Übriggeblieben. „Wir suchen Dich“, wollen sie sagen, „wo lässt Du Dich finden? Wo können wir bei Dir sein?“ „Kommt und seht!“, antwortet Jesus den beiden. Und der Evangelist sagt, sie gingen, sie sahen und sie blieben. Das ist nicht nur ein Tages- sondern ein Lebensprogramm: zu und mit Jesus gehen (weil er der Weg ist), Jesus und mit ihm die Wirklichkeit sehen (weil er die Wahrheitist), bei Jesus und mit Jesus bleiben(weil er das Leben ist, Joh 14,6). Heute kommt es auf das Bleiben an. Darauf, dass ich bei ihm bleibe. Auch wenn mir zuhause die Decke auf den Kopf fällt. Darauf, dass ich auf ihn höre wie Samuel in der Nacht. Darauf, dass ich mit ihm verbunden bleibe, im Leib und im Geist, im Ruhen und Tun. Heute kommt es darauf an, dass ich zuhause bei ihm bleibe, damit ich bei ihm zuhause bleibe, auch wenn ich wieder aufbreche und weitergehe. „Bleiben Sie zuhause“, wird mir gesagt. So mag das gehen: indem ich zuhause bei Ihm und bei Ihm zuhause bleibe – daheim und wohin immer Er mit mir geht. Fra' Georg Lengerke
Von einem Menschen, dessen Not an den Rand des Lebbaren geht, sagt man: „Ihm steht das Wasser bis zum Hals.“ Mehr darf nicht kommen – oder er ertrinkt. Viele, die heute um ihr wirtschaftliches oder familiäres, körperliches oder psychisches Überleben kämpfen, könnten das sagen: „Mir steht das Wasser bis zum Hals!“ (vgl. Ps 69,2) Auf alten Darstellungen der Taufe Jesu ist es Jesus, dem das Wasser bis zum Hals steht. Der Jordan wird hier zum Bild des Todes, auf dessen Grund die verblassten Gestalten der Verstorbenen anwesen. „Hatte Jesus es nötig, sich von Johannes als Zeichen der Umkehr taufen zu lassen?“ könnten wir fragen. Und Augustinus fragt zurück: „Hatte der Herr nötig, geboren zu werden? Hatte der Herr nötig, gekreuzigt zu werden? Hatte der Herr nötig, zu sterben?“ Nicht er hatte es nötig, sondern wir. Jesus reiht sich ein in die Schlange der Menschen, denen das Wasser bis zum Hals steht. Die zum Jordan kommen, weil sie spüren, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Er geht ihren Weg mit – bis ganz nach unten. Nicht zufällig wird der Ort der Taufe Jesu am tiefsten Punkt der Erdoberfläche verehrt: nahe der Jordan-Mündung am Toten Meer (428 m unter Meeresspiegel). Weihnachten endet liturgisch an der tiefsten Stelle der Welt. Gerade dort offenbaren der Vater und der Geist Jesus als den geliebte Sohn und authentischen Offenbarer Gottes. Aus der Umkehrtaufe des Johannes wird unsere Eintauchung in die Teilhabe am Leben Jesu. In Ihm kommt Gott an unsere tiefste Stelle, an der uns das Wasser bis zum Hals steht. Und wir dürfen ihm glauben, dass er mit uns durchs Wasser ins neue Leben geht und dass wir jetzt schon geliebte Töchter und Söhne im Sohn sind. Fra' Georg Lengerke
Über Weihnachten war mein 9jähriger Neffe Sylvester mit Eltern und Geschwistern im Libanon, um das Fest mit schwerstbehinderten Freunden aus einem dortigen Heim zu feiern. Nach der Rückkehr fällt ihm vor dem Schlafengehen eines der dortigen Lieder ein: „Walk in the Light“. Doch irgendwie wollte der Refrain nicht zu der familiären Verwerfung und dem Schmerz seines gleichaltrigen Schützlings Youssef passen. Er fragte: „Müssten wir nicht eigentlich singen: ‚Walk in the Dark and bring the Light‘?“ Beim Propheten Jesaja lesen wir heute von beidem: davon, dass Menschen im Licht gehen, das ihnen von Gott aufgeht, und davon, dass sie und die Völker, die zu ihnen kommen, selbst licht und hell werden: „Werde licht, Jerusalem, denn es kommt dein Licht und die Herrlichkeit des Herrn geht strahlend auf über dir.“ (Jes 60,1) Für die ersten Christen begann sich diese Prophetie zu erfüllen, als die Weisen aus dem Morgenland das Kind in der Krippe finden (Mt 2,11). Mit ihnen kommen die Völker aus der Dunkelheit zu Gottes Licht, um so selbst licht und hell zu werden für das Dunkel, aus dem sie kommen. Wie dem natürlichen Licht, so können wir uns auch dem Licht, das Christus ist, entziehen. Nur wer sich Ihm stellt, wird sich selbst und seinen Nächsten in Seinem Lichte sehen. Dann wird beides wahr: Wir werden licht, wo wir in Seinem Lichte gehen. So wie der Raum im All schwarz aussieht, obwohl die Sonne scheint. Hell wird es erst, wo ihre Strahlen auf etwas fallen, das dem Licht ausgesetzt ist. Lieber Sylvester, heute bete ich, dass Du ein Ritter des Lichtes Christi wirst und dort, wo es dunkel ist, in Seinem Lichte gehst. Dann wirst Du Licht zu Youssef und all denen bringen, die im Dunkeln sind. Fra' Georg Lengerke
Weisheit ist eine „Dreh- und Angel-Eigenschaft“ für ein gutes Leben. Deshalb wird sie unter die „Kardinaltugenden“ (von lat. cardo– Türangel) gezählt. Sie bezeichnet die Fähigkeit, zu erkennen, was etwas ist und bedeutet, zu unterscheiden, worauf es ankommt, und zu handeln, wie es dieser Erkenntnis und Unterscheidung entspricht. In der Weisheitsliteratur des Alten Testaments jedoch ist die Weisheit nicht bloß eine Fähigkeit, die der Mensch erwerben soll. Sie wird vielmehr als eine Person beschrieben, die von Gott kommt und dem Menschen begegnen, von ihm aufgenommen werden und bei ihm wohnen will. Die Weisheit Gottes (so heißt es in den ausgelassenen Versen der Lesung aus Jesus Sirach 24,3-7) will zu allen Völkern kommen. Doch in Jerusalem kommt sie zur Ruhe, wird mächtig und schlägt Wurzeln. Für die ersten Christen gehören Weisheit und Offenbarung zusammen (Eph 1,17). Für sie ist Weisheit keine autonome Erkenntnisfähigkeit. Sie wird vielmehr offenbart und kommt auf den Menschen von außen zu. Nicht nur geistig, theoretisch oder abstrakt. Sondern leiblich, praktisch und konkret – als eine Person. Paulus betet für die Epheser um den „Geist der Weisheit und der Offenbarung“. Wozu? Damit wir die Hoffnung, den Reichtum und die Macht erkennen, die von Jesus Christus kommen, der die offenbarte Weisheit Gottes für die Menschen ist (1 Kor 1,24). Du Weisheit Gottes, weise ist, wer mit Dir Umgang hat, wer nach Dir fragt, wer zu schweigen und auf Dich zu hören weiß, wer mit Dir und von Dir reden lernt, wer sein Leben von Dir bewohnen und bewegen, erhellen und ermächtigen lässt. „Ich steh‘ an Deiner Krippe hier…“ Amen. Fra' Georg Lengerke
Heute morgen sind wir alle Anfänger. Zumindest was dieses Jahr angeht. Aber was werden wir anfangen mit diesem Jahr? An den Jahresbeginn stellt die Kirche Maria, die Anfängerin der Welt. Keiner von uns hat sich selbst angefangen. Wir alle sind angefangen worden. Auch Maria wurde angefangen. Und von da an hat sie sich anfangen lassen. Auf der Kirchentreppe meiner Kaplanspfarrei saß mal ein trauriges Kind. Auf meine Frage, was denn sei, sagte es: „Niemand hat mich angefangen!“ Der Mensch wird lebendig, wenn jemand mit ihm spielt. Gott fängt uns an. Und er weiß mit uns etwas anzufangen. Jeden Tag. Wir brauchen uns nur von ihm anfangen zu lassen. Maria hat angefangen. Aber wer an‑fängt, was fängt der eigentlich? Wer anfängt, der fängt, was beginnen soll oder will. Maria hat an‑gefangen, indem sie emp‑fangen hat. Ich bitte Gott heute nicht nur, dass Er mich vor dem Bösen bewahrt. Ich bitte ihn, dass ich die Dinge so empfange und anfange, wie er es will – das Gute und das Übel, das Schwere und das Leichte, das Frohe und das Traurige. Das können wir, weil Maria uns Menschen den göttlichen Anfang geschenkt hat. Das Tagesgebet sagt, Maria habe uns den „auctor vitae“, den „Urheber des Lebens“ geboren. Durch sie kommt der Neuanfang unseres Lebens als ein Mensch zu uns. Von den Hirten heißt es, sie hätten mit Maria und Josef auch das Kind in der Krippe gefunden, von dem ihnen erzählt worden war. Christsein heißt, dieses Menschenkind suchen und finden und mit ihm leben. Wo wir das tun, da fängt Er uns an, da weiß Er mit uns etwas anzufangen, da emp-fangen wir von Ihm, was wir mit Ihm an‑fangen können – auch dieses neue Jahr und was es bringen mag. Fra' Georg Lengerke
Jedes Jahr tut es irgendwie weh: Gestern die Geburt Jesu, heute der Tod des Stephanus. Gestern „Stille Nacht, heilige Nacht“, heute „Mir nach, spricht Christus, unser Held“. Aber wer z.B. „Zu Bethlehem geboren“ (Friedrich v. Spee) gestern aufmerksam gesungen hat, der kann eigentlich vom Fest des ersten Märtyrers der Kirche heute nicht überrascht sein. Wem ernst damit ist, dass er diesem Kind gehören und es „lieben [will] in Freuden und in Schmerzen, je länger mehr und mehr“, wer sich schließlich fest an den bindet, der in sein „Fleisch und Blut“ gekommen ist, der muss damit rechnen, dass es ihm geht, wie diesem Kind. Stephanus hat sich an Christus gebunden. So fest, dass die Zeugen in seinem Sterben das Sterben Christi wiedererlebten. Wie Christus betet er für seine Mörder, und wie der Gekreuzigte seine Seele in die Hände des Vaters, so empfiehlt der Gesteinigte die seine in die Hände des auferstandenen Herrn. Gestern hat Gott in Jesus unsere Lebensgestalt angenommen. Heute nimmt Stephanus die Lebensgestalt Jesu an. Wir könnten es bei Weihnachten belassen: Gott ist in einem Kind zu uns gekommen. Aber dann wäre mit dessen Tod Gottes Besuch vorbei. Und der Ruf des Kindes, mit ihm zu gehen, zu leben und zu lieben, bliebe unbeantwortet. Stephanus hat geantwortet – als Diakon und Märtyrer, als Diener der Armen und Zeuge für die Wahrheit Gottes. Gerne hätte ich ihn gehört, wie er mit uns an der Krippe singt: „Lass mich von dir nicht scheiden, knüpf zu, knüpf zu das Band der Liebe zwischen beiden, nimm hin mein Herz zum Pfand. Eia, eia, nimm hin mein Herz zum Pfand.“ Fra' Georg Lengerke
„Bitte keine stille Nacht“ wirbt eine Münchener Hilfsorganisation für einsame ältere Menschen. Denn für die ist eine wirklich „stille“ Heilige Nacht unerträglich. Aber nicht nur für sie. Viele singen gerührt „Stille Nacht“, aber nur wenige halten sie aus – die Stille. Dabei brauchen wir sie, um einander hören zu können – besonders die leisen Töne. Die Stille, das Schweigen gehört zum Geheimnis der Weihnacht: „Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht in ihrem Lauf bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron“, heißt es im Buch der Weisheit (18,14-15a). Die ersten Christen lasen das als Prophetie über die Menschwerdung: „Das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14). Gott belässt es nicht dabei, dass er zu uns spricht. Er sagt sich selbst aus. Das Wort Gottes, der Logos, der Sinn und die Bedeutung der Welt zeigen sich – in der Gestalt des Menschen Jesus aus Nazareth. Nun wird häufig gesagt, weil das Wort Fleisch geworden ist, sollten wir von Gott nicht mehr reden, sondern das, was wir glauben, nur noch tun. Es stimmt, der Kirche täten weniger Gerede, weniger politikerhafte Stellungnahmen und weniger Allerweltsweisheiten gut. Und ja, wir sollen auch tun, was wir glauben. Aber wir können das, was wir glauben, nicht tun, wenn wir es nicht vorher gehörthaben. Deshalb sollten wir weniger überGott und mehr mit und von Gott sprechen. Gerade dort, wo es auch am helllichten Tag noch allzu stille Nacht ist. Gott wird Mensch, damit wir mit ihm lieben und seine Liebe erfahrbar machen. Gott wird Mensch damit wir mit und von ihm reden und seine Liebe erkennbar machen. Komm, göttliches Kind, und mach unsere allzu stille Nacht zur heiligen Nacht. Amen. Fra' Georg Lengerke
Die Hilfsorganisationen der Kirche haben sich die Nähe zum Menschen auf die Fahnen geschrieben. „…weil Nähe zählt!“ tun die Malteser ihren Dienst, und die Caritas will „Nah. Am Nächsten.“ sein. Die Ansteckungsgefahr hat uns nun in eine heilsame Verlegenheit gebracht. Wir müssen über neue Formen der Nähe und des Daseins für andere nachdenken; und wir werden gefragt, wie es denn um die Nähe Gottes steht, wo wir nicht füreinander da sein können. An Weihnachten feiern die Christen, dass Gott als ein Mensch die Nähe der Menschen sucht. Auch diese Nähe ist nicht ungefährlich. Und dass sie eine beschauliche Idylle sei, erweist sich als verharmlosende Stimmungsmache. Die Nähe Gottes ist gefährlich für Gott als Mensch, weil die Menschen ihn auf Abstand halten: Von Bethlehem, wo kein Platz für ihn war, bis nach Jerusalem, wo er außerhalb der Stadt geschändet und umgebracht wird. Und die Nähe Gottes ist gefährlich für unsere Bequemlichkeit, unsere Verstocktheit und unsere liebgewordenen, längst entschuldigten Laster. Trotz aller Gefahr und obwohl er „in allem wie wir versucht worden ist“ (Hebr 4,15) und „nackt und bloß“ die Welt betritt, hat sich Jesus von der Bosheit der Menschen nicht anstecken lassen. Seine Antwort ist die durchgehaltene liebende und leidende Nähe Gottes zu uns. In Jesus wird Gott einem jeden von uns zum Allernächsten. Gott ist uns nicht nur nahe, wo wir einander nahe sind. Aber „wenn Er jedem so nah ist, dann sind wir in Ihm auch einander nah“ (F. Heereman). Und wenn wir ihn fragen, wie er uns nahe ist, dann werden wir von ihm auch lernen, wie wir einander wieder nahe sein und Nächste werden können. Denn Seine Nähe zählt. Fra' Georg Lengerke
Seit ich in die Stadt gezogen bin, vermisse ich den morgendlichen Blick aus dem Fenster. In Ehreshoven waren da eine Wiese und der Wald und mitunter der Morgennebel, aus dem nur die obere Hälfte der weidenden Rinder herausschaute. Und da war der Morgentau auf den Blättern, Halmen und Zweigen. In der Stadt bemerkt man ihn kaum. Außer vielleicht als Schleier auf der Windschutzscheibe, der mit einem Scheibenwischer-Wisch schnell entfernt ist. Für den Propheten Jesaja gleicht das Kommen des Gesalbten Gottes dem geheimnisvollen Kommen des Morgentaus. „Tauet, ihr Himmel von oben! Ihr Wolken regnet herab den Gerechten!“ (vgl. Jes 45,8) Der Tau fällt im Dunkel der Nacht. Keiner sieht ihn kommen. Wenn der Tag erwacht, ist er da. Nur die Wachenden, die Frühaufsteher, die den Tag erwarten, erahnen etwas von seinem Kommen. Der Tau ist unendlich zart und fein. Er gibt der Schöpfung Glanz und Frische. Er legt sich um sie wie ein Kleid, in dem sie schöner ist denn je. Der Tau hat seine Stunde. Mittags ist von ihm nichts mehr zu sehen – auch wenn er noch in der Luft liegt. Wer den Morgen verschläft, sieht ihn nicht, noch die von ihm verwandelte Natur. „Der Heilige Geist wird über Dich kommen“, sagt der Engel zu Maria bei der Verkündigung. So wie der Tau: in der Verborgenheit, unendlich zart und zu seiner Zeit. Im Deutschen haben wir das gleiche Wort für das Kommen des Morgentaus und das Schmelzen von Eis: tauen. Gott wird ein Mensch wie wenn es morgens herabtaut. Ich bin bereit für Ihn, wenn ich auftaue und mich erweichen lasse. Wir gehören zur Erde, zu der Jesaja sagt: „Tue dich auf und sprosse den Heiland hervor.“ Taue herab, mein Gott, dann taue ich auf. Amen. Fra' Georg Lengerke
„Freut Euch! – „Gaudete!“ beginnen die Gottesdienste am Dritten Adventssonntag. „Sehr witzig“ sagen die Menschen, denen wegen der Pandemie oder der Einschränkungen gerade herzlich wenig nach Freude zumute ist. Aber „Lockdown“ ist nicht nur eine Erfahrung der Pandemie. Wir haben einen „harten Lockdown“ und einen „Lockdown light“ erlebt. Aber auch vorher, auch ohne Pandemie, lebten die meisten von uns in einer Art Lockdown – gemessen an der Freiheit und Gottesnähe, Liebes- und Gemeinschaftsfähigkeit, zu der wir ursprünglich berufen und begabt sind. Die Alten sprechen von einer „gefallenen Welt“. In ihr ist unser Leben ständig bedroht. Es ist von Gebrochenheit und Vergänglichkeit und der Angst davor geprägt und zugleich von Gesetzen und Regeln eingehegt, damit es nicht zu Mord und Totschlag kommt. Gott wird ein Mensch während die Welt im Lockdown ist. Mehr noch: Er wird Mensch, weil die Welt im Lockdown ist – und es auf die eine oder andere Weise schon seit Urzeiten war. Viele Weihnachtsfreuden werden dieses Jahr ausfallen. Das ist traurig und ärgerlich. Aber die Weihnachtsfreude, dass Gott in unsere Lockdowns kommt – auch da wo wir nicht zueinander kommen, die will neu entdeckt werden. Weihnachten ist nicht die Suggestion einer heilen Welt, sondern Einbruch des Heilands in eine unheile Welt. Weihnachten ist der Grund, warum Menschen noch in Kerkern und Hungerbunkern Lieder gesungen haben. Weil es auch noch im Grauen eine Freude darüber gibt, dass es Gott nicht graut, unter uns Menschen zu sein. Ich denke mir die Zeile aus „Macht hoch die Tür“ dieser Tage so: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Lockdowns Tür dir offen ist...“ Fra' Georg Lengerke
Wenn heute einer sagte: „Die Kirche ist eine Botin der Freude!“, würden ihm viele widersprechen: „Die Kirche ist ein Saustall!“ Für den Propheten Jesaja war die heilige Stadt Jerusalem beides: „gestürzt und gefallen“ (3,8) und „Botin der Freude“ (40,9). Um wieder „Botin der Freude“ zu werden, schließt sich die Kirche oft einfach den Freudenbotschaften an, die es auch ohne sie gibt. Zum Beispiel wenn ein Impfstoff gefunden oder der Tag nahe ist, dass wir wieder essen gehen, Feste feiern und uns umarmen können. Solche Mitfreude hat recht, denn alle echte Freude kommt von Gott und führt zu Gott. Aber der Kirche wurde darüber hinaus eine Freude für die Welt offenbart, die es in ihr sonst so nicht gibt: Nämlich die heilige Freude darüber, dass einer in die Welt gekommen ist, der mir und meinem Feind vergibt – und denen, denen keiner vergeben will. Die Freude über den, der mich sieht und ganz kennt und mich trotzdem (oder gerade deshalb?) liebt. Die Freude, dass einer uns in guten und in bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit treu bleibt – auch wenn es ihn das Leben kostet. Die Freude, dass sich das Leiden lohnt um der Liebe willen. Die Freude, dass einer meine Sterblichkeit zu seiner und seine Unsterblichkeit zu meiner gemacht hat. Und schließlich die Freude darüber, dass das Leben dieses einen göttlichen Menschen seitdem von unzähligen Menschen mitgelebt und zum Vorschein gebracht worden ist. Liebe Freudenbotin! Räum Deinen Saustall auf. Erinnere Dich der Freude, die sich Dir gezeigt hat. Steig auf den Berg. Erheb Deine Stimme! Zeig auf jenen anderen Stall, und sag den Menschen: „Seht, da ist Euer Gott!“ (Jes 40,9) Fra' Georg Lengerke
Ein warmer, klarer Tag im Frühling. Von unseren Fenstern aus kann man die Alpen sehen. Ich spaziere durch die Stadt, die am Werktagmittag so leer ist wie sonst nur am Sonntagmorgen. Ich finde, dass das Wetter nicht zu unserer Lage passt. Letzte Woche wieder Spaziergang. Es ist kalt und nebelig. Man sieht nicht weit. Den ganzen Tag will es nicht recht hell werden. Und ich denke: Genauso sieht es in und um uns gerade aus. „Reiß doch den Himmel auf“, betet der Prophet Jesaja, „und komm herab.“ Nach der Rückkehr aus dem Exil ist für ihn „Himmel“ kein Bild für das selige Ziel des Lebens. Er ist verhangen. Die Sehnsucht geht nach dem Himmel hinter dem Himmel, nach dem Licht, das nicht durch die Wolkendecke dringt, nach der Wirklichkeit und Wirksamkeit Gottes, die fern und verborgen ist. Friedrich von Spee dichtet mit diesem Vers 1622 ein Lied. Angesichts des Hexenwahns und der Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges betet er: „O Heiland, reiß die Himmel auf, / herab, herab vom Himmel lauf, / reiß ab vom Himmel Tor und Tür, / reiß ab, wo Schloss und Riegel für.“ Da betet einer mal nicht: „Mach, dass wir…“ – so als könnten wir uns selbst retten, wenn wir uns nur genug anstrengten. Spee ruft nach Christus, dem „Trost der ganzen Welt“, dass er uns „hier im Jammertal“ tröste; nach Christus, der Sonne, ohne deren Schein „in Finsternis wir alle sein“; nach Christus, der uns angesichts des ewigen Todes wie Mose „mit starker Hand / vom Elend zu dem Vaterland“ führen soll. An Weihnachten tut sich der Himmel auf, weil der Ersehnte kommt. Wenn das Herbstwetter Bild unserer Bedrängnis wird, mag es uns adventlich beten lehren: „Reiß doch den Himmel auf, und komm!“ Fra' Georg Lengerke
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