Ab in den Süden! Der Brennerpass und seine Geschichte
Beschreibung
Handelsroute und Durchgangsstation war der Brenner von alters her. Bis heute ist der 1370 m hoch gelegene Brenner-Pass eine der wichtigsten Alpen-Transit-Strecken. Bereits in der Bronzezeit soll über den Brenner Bernstein transportiert worden sein, die Römer drangen über den Brennerpass nach Norden vor. Von Gabriele Knetsch
Credits
Autorin dieser Folge: Gabriele Knetsch
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Christoph Jablonka, Friedrich Schloffer
Technik:
Redaktion: Iska Schreglmann
Im Interview:
Dr. Golo Maurer, Kunsthistoriker, Leiter der Bibliothek des Max-Planck-Instituts für Kunstgeschichte in Rom
Prof. Margareth Lanzinger, Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien
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Literatur:
Peter Kaspar, Brenner und Brennerbad, Ein ReiseLeseBuch, Würzburg 2019 – umfassende Darstellung der Geschichte des Brennerpasses mit Fokus auf der politischen Fragestellung
Ralf-Peter Märtin, Die Alpen in der Antike – von Ötzi bis zur Völkerwanderung, Frankreich 2017. Historischer Streifzug der Alpengeschichte bis zum frühen Mittelalter.
Katharina Winckler, Die Alpen im Frühmittelalter, die Geschichte eines Raumes in den Jahren 500 bis 800, Köln/Weimar 2012. Fundierte und detaillierte historische Darstellung des Alpenraums nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs.
Golo Maurer, Heimreisen. Goethe, Italien und die Suche der Deutschen nach sich selbst, Hamburg 2022. Maurers Goethe-Monographie geht der Frage nach, inwiefern die Sehnsucht nach dem Süden ihn und sein Werk prägte.
Francesco dal Negro, Max Rungg: Postgasthöfe und Stationen an der Brennerstraße, Monographie Südtiroler Landesarchiv über die Entstehung der Infrastruktur an der Brennerstraße.
Johann Wolfgang von Goethe, „Die Italienische Reise, Reclam Verlag.
Michel de Montaigne, Tagebuch einer Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland von 1580-1581, Übersetzer Hans Stilett, Die andere Bibliothek, Aufbau Verlag
Cassius Dio: Römische Geschichte, Verlag Artemis und Winkler Zürich.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHER
Dies ist die Geschichte eines Jahrtausende währenden Roadtrips. Würde man auf den Brennerpass aus der Vogelperspektive und im Zeitraffer blicken, so sähen wir ein geschäftiges Kommen und Gehen.
Von oben betrachtet winzig klein klettern frühe Alpen-Bewohner wie der Ötzi über den Pass. Einige Tausend Jahre später sieht man einen Kelten auf einem Esel, bepackt mit Hallstein-Schwertern nach Süden reiten. Römische Bauexperten verlegen um Christi Geburt Quader für die erste befahrbare Straße - „Per Alpes Raeticas“. Ab dem frühen Mittelalter ziehen Händler mit ihren Saumtieren in beide Richtungen über den Pass, um Wein und Oliven nach Norden und Käse und Wolle nach Süden zu liefern. Und Ende der 1950er Jahre des letzten Jahrhunderts schiebt sich ein schnaufender VW-Käfer über die alte Brennerstraße - beladen mit einer vierköpfigen Familie, die sich nach Strand-Urlaub in Rimini sehnt.
Musik Sehnsucht
Ein Sehnsuchtsort war der Brennerpass schon immer. Aber zugleich auch nie mehr als eine Durchgangsstation. Und das ist er bis heute, sagt der Kunsthistoriker Dr. Golo Maurer.
1. Zsp. Golo Maurer, 31.04
Eine Art Niemandsland zwischen zwei Kulturen. (…) Er ist zu einer Art transitorische Bereich geworden, wo man den Norden abschüttelt und sich auf den Süden vorbereitet. Oder wo man, wenn man aus dem Süden kommt, vom Süden Abschied nimmt und den Norden ins Auge fasst.
SPRECHER
Seinen Erfolg als Jahrtausende alter Übergang über die Alpen verdankt der Brennerpass seiner geographischen Lage im Zentrum der Alpen. Er verbindet den Norden Europas mit dem Süden. Im Vergleich zu den drei anderen wichtigen Alpenpässen - dem Simplonpass, dem Mont Cenis und dem Großen Gotthard - ist der Brenner mit 1370 Höhenmetern der niedrigste.
2. Zsp. Golo Maurer, 29.10
Es gibt ja nicht so viele befahrbare Alpenübergänge, es gibt wahrscheinlich kleinere Passstraßen im Westen und im Osten, die zu befahren anstrengend ist. (…) Und ich glaube, dass diese geografische Situation, dass Deutschland und Italien ja eigentlich auf so auf eine Nord-Süd-Achse liegen und in der Mitte die Berge sind wie so eine Art Grenze von spiegelbildlich entgegengesetzten Ländern. Man kann sagen, aus deutscher Sicht ist Italien das Gegenland, das, wo alles anders ist, und die einzige Trennung zu diesem Gegenland, das sind die Berge.
SPRECHER
Und diese Trennlinie wollen Menschen schon seit Jahrtausenden überwinden. Doch das Image dieses alpinen Zwischenraums zwischen Nord und Süd änderte sich im Lauf der Geschichte. Bevor die Römer die Alpen eroberten und erschlossen – unter anderem dadurch, dass sie die Pässe für Fuhrwerke befahrbar machten - galten ihnen die Alpen-Bewohner als unzivilisiert, wild und roh. So schrieb noch um Christi Geburt der römische Geschichtsschreiber, Titus Livius, die Alpen seien für Menschen eine unüberwindbare Grenze. Römische Schriftsteller überspitzten die Alpenerfahrung gerne und beschrieben schroffe, in die Wolken aufragende Berggipfel, bösartige Bewohner, eiskalte Winde und ewigen Winter. Der römische Historiker Florus behauptete gar, Alpenbewohner benutzten ihre eigenen Kinder als Wurfgeschosse. Die Alpenüberquerung galt in den antiken Schriften als Heldentat.
Musikakzent, verblenden mit Atmo, Marschschritten
Einer dieser sagenumwobenen Helden war der karthagische Feldherr Hannibal. Schon 218 vor Christus zog er mit über 30 afrikanischen Kampfelefanten über die Alpen nach Rom. Eine logistische Meisterleistung. Welchen Pass – oder welche Pässe – er mit seinen Soldaten nahm – ein Großteil ging zu Fuß - das wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Aber den Brenner wahrscheinlich nicht. Denn die Tausende von karthagischen Kämpfern kamen über die Iberische Halbinsel in Richtung Alpen. Da lag ein Übergang in den Westalpen – heute in der Schweiz oder Frankreich - eher auf ihrer Route. Doch Hannibal führte es allen vor Augen: die Alpen waren überquerbar.
Musikakzent
Rund 200 Jahre später machten sich die Römer selbst ans Werk. Kurz vor Christi Geburt eroberten sie den gesamten Alpenraum. Denn immer wieder griffen Stämme aus den Alpen römische Siedlungen jenseits der Alpen an - zum Beispiel die im Etschtal lebenden Räter.
ZITATOR 1 (Cassius Dio)
„Die Raeter, die zwischen Norikum und Gallien, nahe den Italien anliegenden tridentinischen Alpen, ihre Wohnsitze haben, unternahmen Einfälle in viele Teile des benachbarten Gallien und schleppten sogar aus Italien Raubgut hinweg. Außerdem belästigten sie die Römer oder auch ihre Bundesgenossen, welche ihr Gebiet durchquerten. …. Deshalb schickte Augustus zunächst den Drusus gegen sie.“
SPRECHER
Das schreibt der um 160 n. Chr. geborene Politiker Cassius Dio in seiner „Römischen Geschichte“, die im Verlag „Artemis und Winkler“ erschienen ist. Wie die Räter die Sache sahen,