Ausgetrocknete Flussbetten - Was kommt nach dem Wasser?
Description
Flüsse und Bäche trocknen wegen des Klimawandels immer öfter aus. Dabei können sie ihre Dienste als Ökosystem nicht mehr leisten und viele Arten gehen verloren. In dem Projekt ?Dry River? machen europäische Forscher und Forscherinnen nun eine Bestandsaufnahme, um unsere Fließgewässer besser schützen zu können. Von Brigitte Kramer (BR 2024)
Credits
Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Rahel Comtesse, Friedrich Schloffer
Technik: Susanne Herzig
Redaktion: Iska Schreglmann
Im Interview:
Dr. Annika Künne, Geographin, Universität Jena;
Professor Dr. Markus Weitere, Biologe, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Magdeburg;
Professor Dr. Klement Tockner, Biologe, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, Frankfurt am Main.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ATMO 1 Rauschender, großer Fluss, etwas stehen lassen
SPRECHERIN darüber
Wassermassen drängen sich durch die Landschaft ... mal als in der Sonne glitzerndes Band, mal als graugrüner, tosender Strom … immer weiter, dem Meer entgegen. ATMO 1 freistellen
An ihren Ufern sind Siedlungen entstanden, aus denen später Städte wurden. Felder und Weiden wurden angelegt, später Industrieanlagen, dann kamen Talsperren, Kanäle und Begradigungen …
Flüsse gehören zu den von uns am stärksten veränderten Ökosystemen. Für den Menschen sind sie jedoch lebenswichtig.
ATMO 1 freistellen, dann weg
Zur Übernutzung, Verunreinigung und massiven Eingriffen in die Natur kommen jetzt auch noch die Folgen des Klimawandels: Weltweit steht es schlecht um Flüsse und Bäche. Ihnen fehlt das Wasser. Viele von ihnen fallen trocken, verschwinden, versickern oder enden als jämmerliche Rinnsale. Was passiert, wenn Flussbetten vorübergehend austrocknen?
Was geht dabei verloren, und was kommt danach? Professor Klement Tockner von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung erklärt, was ein gesunder Fluss alles leistet:
O TON 1 Klement Tockner
Eine der wichtigsten Leistungen ist die Selbstreinigungskraft, das heißt das Entfernen von Nähr- oder auch von Schadstoffen an der Gewässersohle, um eben sauberes Trinkwasser für uns Menschen bereitzustellen, um Wasser für die Landwirtschaft bereitzustellen. Dazu kommt auch, dass das Gewässerbett ein ganz wichtiger Lebensraum zum Beispiel für Insektenlarven, aber auch für Jungfische ist.
Musik: Questions an decisions 0‘40
SPRECHERIN
Die „Reinigungsleistung“ entsteht zum einen durch die Fließbewegung, bei der das Wasser auf den Grund gedrückt und den Organismen dort zugespült wird. Diese reinigen das Wasser, zum Beispiel, indem sie es durch ihre Kiemen fließen lassen und dabei Nahrungspartikel herausfiltern - so wie es die Flussperlmuschel tut. Die Selbstreinigung eines Flusses findet zudem auch an der Gewässeroberfläche statt, in einem Biofilm, den Mikroorganismen unter Sauerstoffverbrauch bilden. Gesunde Flüsse leisten aber noch mehr:
O TON 2 Klement Tockner
Die Gewässer sind natürlich auch ein ganz zentraler Erholungsraum für uns Menschen. Das Gurgeln oder das Rauschen eines Baches hat eine positive Auswirkung auf unsere Wahrnehmung unserer Umwelt. Das sind alles zentrale Leistungen, die Gewässer für uns bereitstellen.
ATMO 2 Plätschernder Bach etwas stehen lassen, dann Blende Musik: Surviving victims 1‘09
SPRECHERIN darüber
Wenn sie diese „zentralen Leistungen“ nicht mehr erbringen können, haben wir Menschen ein massives Problem: Nicht nur wegen des Trinkwassers. Fallen Flüsse bei uns trocken, zeitweise oder stellenweise, sterben viele Arten, die in ihrem Ökosystem gedeihen. Musik 3 hoch Denn im Gegensatz zu anderen Regionen der Erde, wo das Austrocknen eines Flusses zu seinem natürlichen Zyklus gehört und die Arten sich daran angepasst haben, brauchen in Mitteleuropa viele Tier- und Pflanzenarten eine Rückzugsmöglichkeit in feuchte oder nasse Lebensräume. In die „hyporheische Zone“ zum Beispiel, die Übergangszone im Sediment zwischen Grundwasser und Fließgewässer. Doch die ist oft auch trocken, weil der Grundwasserspiegel stetig sinkt. Das ist gravierend, weil Flüsse Hotspots der Vielfalt sind und zu den wertvollsten Ökosystemen überhaupt gehören: Sie bedecken zwar nur ein Prozent der Landoberfläche, dienen aber zehn Prozent der Arten als Lebensraum.
Musik 3 weg.
Das Ökosystem Fluss ist also weit mehr als nur das fließende Band, das wir wahrnehmen:
O TON 3 Annika Künne
Um sich das überhaupt besser vorstellen zu können, muss man eigentlich wissen, dass das Gewässer oder Flussbett auch den Bereich unter und neben dem Fluss, also auch die Flussauen mit einschließt. Also eine Zone, wo eine Interaktion stattfindet zwischen dem oberflächlichen Wasser, was wir dann als Bach oder Fluss wahrnehmen, und natürlich auch dem Grundwasser.
Musik: Absorbed in thought 0‘34
Atmo Bach/Fluss
SPRECHERIN drüber
Flüsse und Bäche sind nichts anderes als zutage tretendes Grundwasser: Es kommt in Quellen an die Oberfläche und bildet dann ein oberirdisches Gewässer. Fließgewässer brauchen eine intakte Uferlandschaft, erkennbar zum Beispiel an Auenwäldern, in denen in unseren Breitengraden Brennessel oder Bärlauch wachsen. Diese Uferstreifen wirken bei Hochwasser wie ein Schwamm, bei Niedrigwasser geben sie Wasser in das Flussbett zurück. Musik 1 runter Dr. Annika Künne ist Geologin und arbeitet mit Klement Tockner zusammen an einem internationalen, von der EU finanzierten Projekt, das erstmals den Zustand von Flüssen erfasst:
O TON 4 Annika Künne
Eben weil dieses Trockenfallen vielleicht in Räumen, wo das früher nicht so häufig aufgetreten ist, wurde das auch wissenschaftlich etwas stiefmütterlich behandelt. Und deswegen haben wir dementsprechend wenig Methoden. Man hat Ansätze, aber man hat noch nicht so viel Analysen, dass man das wirklich ganz genau quantifizieren kann.
SPRECHERIN
Konkret geht es bei dem Projekt „Dryver“ – der Begriff ist eine Zusammensetzung / aus den Worten… dry, trocken und river, Fluss – um die Erforschung von sechs Flusseinzugsgebieten in Europa – Spanien, Frankreich, Ungarn, Kroatien, Tschechien und Finnland –, und drei in Lateinamerika. 25 Experten aus 11 Ländern sammeln Daten und geben dann Empfehlungen und Strategien heraus für ein anpassungsfähiges Management von Fließgewässern. Die von 2018 bis 2022 fast durchgehende Dürre hat vielen Menschen in Europa gezeigt, wie schnell das Wasser ausgehen kann:
O TON 5 Annika Künne
Auch hier wird es einfach stärker. Und es gibt Veränderungen, also sowohl der Wasserqualität als auch Wassermangel. Und was wir schon sehen können, ist ein Artenrückgang